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Japanischer Militarismus

Von Marc Verfürth

Zu Beginn dieses Artikels möchte ich kurz darstellen, welche Phänomene ich insgesamt unter dem Begriff „Militarismus" im weiteren Verlauf zusammenfassen möchte, und wo insbesondere die Kennzeichen des Militarismus japanischer Prägung zu suchen sind. Sehr allgemein formuliert, stellt der Militarismus eine Geistesströmung dar, in der dem Militär und dem Militärischen insgesamt in Politik und Gesellschaft das Primat vor anderen Dingen eingeräumt wird. Darüberhinausgehend interpretiere ich in diesem Artikel die Idee dergestalt, daß ich nicht nur von einem dem Militär überlassenen Primat, sondern von der aktiv beanspruchten und aggressiv verteidigten Vorherrschaft des Militärs durch seine höchsten Vertreter wie Generäle und Admiräle, ausgehe; zeitweilig kann sich die Machtstruktur eines in diesem Sinne militaristischen Staates der einer Militärdiktatur nähern.

Die "Taishô-Demokratie": tatsächlich eine imperialistische Quasi-Militärdiktatur?
Die politische Situation in Ostasien vor dem Beginn der Taishô-Zeit

Bereits vor der Meiji-Zeit (1868-1912) hatten die westlichen Mächte ihre Hände nach Ostasien, wie zuvor nach Afrika und Amerika, ausgestreckt. Auch wenn Ostasien nicht das Schicksal dieser Erdteile, die Kolonialisierung, teilen mußte, war dennoch der Stand der ostasiatischen Länder nicht viel besser; sie mußten in regelrechten Knebelverträgen derartige Zugeständnisse an die überlegenen westlichen Staaten machen, daß ihre Souveränität dadurch teilweise erheblich eingeschränkt und ihre Wirtschaft und Ressourcen weidlich ausgebeutet wurden.
Auch Japan hatte unter solchen Verträgen zu leiden; allerdings war Japan nicht so unrettbar den westlichen Mächten ausgeliefert wie China oder Korea. Das Programm zur Abwehr des westlichen Zugriffs, welches mit dem Beginn der Meiji-Zeit seine volle Kraft entfaltete, war Überleben durch Nachahmung. Im Jahr 1887 formuliert der damalige Außenminister INOUE Kaoru (1835-1915) diese Strategie in einem Memorandum:

[...]what we must do is to transform our empire and our people, make the empire like the countries of Europe and our people like the peoples of Europe. To put it differently, we have to establish a new, European-style empire on the edge of the Asia.

Zu einer "europäischen" asiatischen Macht, die von den westlichen Mächten als einigermaßen gleichrangig akzeptiert werden konnte, gehörten zu dieser Zeit allerdings nicht nur eine entwickelte Wirtschaft in einer zivilisatorisch entwickelten Gesellschaft, eine gute Infrastruktur und schlagkräftiges Militär, sondern auch Kolonien. Doch nicht allein dies begründete Japans expansionistische Politik. Vielmehr gab es die wohl nicht unberechtigte Befürchtung seitens Japan, von den imperialistischen Ländern Europas, von Amerika und von Russland durch deren Zugriff auf China und Korea in die Zange genommen zu werden. In der Politik entwickelte sich aus diesen Befürchtungen die Idee zweier zu schützender Gebietssphären, in denen der Gedanke des Kolonialismus bereits angelegt war: den cordon of sovereignty („Sphäre der Souveränität") und den cordon of advantage („Sphäre des Vorteils") , wobei ersterer das vollständige eigene Territorium umschloß, während letzterer sich als Gürtel um das eigene Staatsgebiet legen sollte. Die Gebiete in diesem Gürtel sollten in erster Linie als eine Art Pufferzone , aber auch zur wirtschaftlichen Bereicherung dienen.
Dem Ziel, Kolonien zu erlangen, lagen also keinesfalls ausschließlich nationalistische Großmachtphantasien zugrunde; es gab sehr wohl objektiv gute Gründe, die dafür sprachen. Zudem wurde das eigene Land allmählich zu klein für das rasch wachsende japanische Volk. Immer mehr wanderten aus, besonders in die Vereinigten Staaten von Amerika. Die japanische Führung war daher verständlicherweise an Kolonien auch als mögliches Siedlungsgebiet für Japaner interessiert; als sich die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Japan bereits 1907 verschärften und 1924 schließlich keine Japaner mehr in die Vereinigten Staaten einwandern durften, nahm dieser Gedanke noch an Bedeutung zu.
Trotz alledem entwickelten sich in Japan, wie in den anderen imperialistischen Ländern auch, Theorien, die der ethisch fragwürdigen Politik der Kolonialisierung zu einer Art von höherer Moral verhelfen sollte.

Japans Entwicklung zur Kolonialmacht

Nachdem ich bereits einige wesentliche Motivationen Japans, Kolonien zu erwerben, angerissen habe, beabsichtige ich nun, die praktische Realisation dieses Vorsatzes zu schildern.
Obwohl Japan schon seit den 1870er Jahren auf Korea als gewünschte Kolonie schielte und dort bereits seit dieser Zeit, konkurrierend mit China, zunehmend in die innenpolitischen Abläufe eingriff, begann Japans Geschichte als imperiale Macht 1895 mit der Eroberung Taiwans. Diese Möglichkeit bot sich Japan im Zuge des Chinesisch-japanischen Krieges. In diesem Krieg ging es für Japan darum, zunächst dem früher übermächtigen China seine nicht mehr haltbaren Hegemonieansprüche über Ostasien abzuringen und gleichzeitig sich den westlichen Staaten als gleichrangiges, starkes Land zu präsentieren. Der für Japan willkommene Anlaß, den Krieg beginnen zu können, war die Bitte der koreanischen Regierung an China im Jahre 1894, zur Niederschlagung des großen Bauernaufstandes der Anhänger der östlichen Lehre (tôgakutô no ran) ein Heer zu entsenden. Aus dem Tianjin-Vertrag konnte Japan nun das Recht für sich ableiten, ebenfalls ein Heer zu entsenden. Allerdings erkannten die anderen Parteien rasch Japans wahre Absichten, so daß das koreanische Bauernheer mit der koreanischen Regierung einen Waffenstillstand aushandelte und sich die chinesische Armee bewußt von den japanischen Streitkräften fernhielt; Versuche seitens eines japanischen Sonderkommandos, die koreanischen Aufständischen wieder zu militärischen Aktionen zu verleiten sowie Provokationen gegenüber dem chinesischen Heer schlugen fehl. Schließlich griffen japanische Kriegsschiffe die chinesische Flotte an, ohne daß es zuvor eine Kriegserklärung gegeben hätte. Diese erfolgte erst einige Tage später.
Im Verlaufe des Krieges vertrieb Japan nicht nur China aus Korea, sondern besetzte darüberhinaus die Liaodong-Halbinsel, also chinesisches Territorium und zugleich strategisch bedeutsames Gelände. Die Heeresführung wollte dieses Gebiet unbedingt halten; da jedoch eine Intervention der westlichen Mächte einschließlich Russlands dagegen war, entschied man sich kurz vor dem absehbaren Kriegsende, auch Taiwan zu besetzen, um der für die Finanzierung des Krieges ausgebeuteten Bevölkerung und den starken nationalistischen Bewegungen im Lande Erfolge vorweisen zu können.
Als bald darauf die Friedensverhandlungen begannen, hatte Japan Taiwan bereits eingenommen und konnte am 17. April 1895 durch den Vertrag von Shimonoseki seine Ansprüche auf die Insel zementieren. Der Vertrag von Shimonoseki bestimmte darüberhinaus die Abtretung der Liaodong-Halbinsel und der Penglu-Inselkette an Japan, die Verpflichtung Chinas zu - realistisch betrachtet - unbezahlbaren und völlig überzogenen Reperationszahlungen in Höhe von 300 Millionen Yen in Gold und den Abschluß von Handelsverträgen einschließlich der Öffnung weiterer Häfen, so daß Japans Rechte in China mit denen der westlichen Mächte gleichzogen.

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