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Wahnsinnige Hamburger?
Zwischen BSE-Hysterie und Gleichgültigkeit. Eine Chronik der Fälle von Rinderwahn in Japan zwischen August und November 2001

Von Andreas Fels

Der 10.September 2001. Einen Tag bevor sich für den Rest der Welt dieselbe nachhaltig verändern sollte, warf eine Nachricht das Vertrauen in die Regierung und den Menüplan des fleischverzehrenden Japaners durcheinander. Das Landwirtschaftsministerium hatte an diesen Tag zugegeben, dass man im August in der tôkyônahen Chiba-Präfektur eine Kuh verbrannt habe, die Zeichen der als Rinderwahn bekanntgewordenen Krankheit BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) zeigte. Zuvor hatte sich das Ministerium wiederholt betont zuversichtlich gezeigt, dass das Rindfleisch in Japan "absolut sicher" sei.
   

Frikadellen-Brater McDonalds: Erhebliche Absatzprobleme nach Bekanntwerden des ersten BSE-Falls in Japan
Foto: © Andreas Fels

Schon am Tag nach der Nachricht wusste Landwirtschaftsminister TAKEBE Tsutomu, dass die Ursache für die Erkrankung des fünfjährigen Wiederkäuers aus Shiroi "mit großer Sicherheit tierbasiertes Fleisch- und Knochenmehl" war. "Wir werden untersuchen, welchen Weg dieses Futter nahm und werden jeden Schritt unternehmen, der notwendig ist, um mit dieser Sache fertigzuwerden." Er beeilte sich - laut Berichten der Mainichi-Shinbun - zu versichern, dass internationale Tests gezeigt hätten, dass bislang noch kein direkter Zusammenhang zwischen dem Konsum von BSE- kontaminiertem Fleisch und der Menschenvariante, der Creutzfeld-Jakob-Krankheit, nachgewiesen werden konnte.

Die Versicherungen des Ministers zeigten nicht die erhoffte beruhigende Wirkung und so ließen die besorgten japanischen Konsumenten das Rindfleisch zunächst lieber in den Supermarkt- Regalen. Auch wenn 2/3 des japanischen Rindfleischbedarfs über Importe aus den bislang "sicheren" Ländern Australien und USA gedeckt werden, versagten die Verbraucher Hamburgern, shabu-shabu und Steaks zunächst spürbar den Absatz. Verunsichert durch Medienbilder von torkelnden Kühen und in englischen Krankenhäusern an Creutzfeld-Jakob sterbenden Kindern, verzichteten sie auf den herzhaften Biss in Rindfleischspeisen jeglicher Art. Einige Steakhäuser und Yaki-Niku-Lokale schlossen, während andere bis auf das Personal unbesetzt blieben. Des einen Leid ist des anderen Freud': Während die Rindfleischbranche einen empfindlichen Einbruch im Absatz seiner Fleischwaren hinnehmen musste, freuten sich die Schweine- und Geflügelfleisch sowie Fisch anbietenden Kollegen über regen Zuspruch. Auch wenn sich Fastfood-Riese McDonalds beeilte zu versichern, dass in seinen Fleischbällchen ausschließlich das Fleisch von glücklichen Kühen aus Australien zur Anwendung käme, brach der Börsenkurs von McDonalds Co.Ltd. Japan um volle 13 Punkte ein.

Warnungen der EU - selber mit reichlich BSE-Erfahrung gestraft - wurden, wie Landwirtschaftsminister TAKEBE am 20.September voller Schande der Öffentlichkeit gegenüber eingestehen musste, als "fragwürdig" abgetan. Bereits im Juni hatte die EU einen Bericht erarbeitet, demnach die Gefahr eines massiven Ausbruchs der Prionenkrankheit in Japan sehr groß sei. Das Risiko resultiere aus Importen von Fleisch- und Knochenmehl aus der EU, welches als Hauptüberträger der 1986 entdeckten Krankheit angesehen wird. Wegen des relativ großen Risikos erbat das Untersuchungsgremium der EU mehr Informationen von Tôkyô - welche versagt wurden. Zudem bestand das Landwirtschaftsministerium darauf, dass die EU ihren Bericht in den Schubladen ihrer Schreibtische verschwinden lassen sollten.

Auch in den folgenden Wochen waren die Zeitungen und TV-Sendungen zum Thema Kyôgyôbyô (verrücktes Rind- Krankheit) voll mit Schuldzuweisungen und auch -eingeständnissen. Dabei wurde klar, dass sich das japanische Landwirtschaftsministerium zu sehr auf die Vernunft der Rinderzüchter und Molkereibetriebe verlassen hatte. Dieser Branche hatte das Ministerium bereits 1996 nahegelegt, vorsorglich auf den Einsatz von Tiermehl als Nahrung zu verzichten. Tragisch ist dabei, dass das Ministerium seine Empfehlung erst am 4.Oktober 2001 durch ein entsprechendes Gesetz untermauerte. In der Zwischenzeit waren, wie die renommierte Tageszeitung "Mainichi Shinbun" am 1.Oktober berichtete, mehr als 2.000 Rinder mit dem Mehl aus Fleisch- und Knochen gefüttert worden.

TAKEBE schob eilig Maßnahmen gegen eine BSE- Flut epidemischen Ausmaßes an, nachdem er von Ministerpräsident KOIZUMI Junichirô erfahren hatte, dass er "keine Zustände wie in England erleben wolle". Dazu gehörten die prophylaktische Schlachtung von "verdächtigen" Kühen sowie ein Verkaufsstop von ungetestetem Rindfleisch. Der Verkaufsstop wurde am 19.Oktober aufgehoben und die Händler durften nun "sicheres" Beefsteak anbieten. Auf den Großmärkten in Tôkyô und Ôsaka wurden an diesem Tag 240 geschlachtete Kühe verkauft und nicht nur der Preis, der nahezu wieder auf dem selben Level war wie vor dem ersten Rinderwahnfall in Japans Geschichte, deutete an, dass sich die Situation wieder normalisierte. Wie hierzulande nahm mit Rückgang der medialen Berichterstattung über die unheimliche Krankheit auch das Gefahrenbewusstsein der Bevölkerung ab. Es wurde wieder Rindfleisch konsumiert. Dies zunächst von Ministern bei Schauess- Veranstaltungen vor versammelten Medienvertretern. Später dann auch von normalen Verbrauchern, vor allen Dingen von jungen Leuten.

Die als sicher und gesund beschworenen japanischen Rinder straften die Regierung alsbald Lügen: Am 21.11. wurde der zweite BSE-Fall bestätigt. Getroffen hatte die degenerative Erkrankung das Gehirns eines Zuchtvieh in Sarufutsu auf Japans nördlicher Insel Hokkaido. Der erste Treffer bei 87.000 Tests, die seit dem 18.Oktober von dem japanischen Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt landesweit durchgeführt wurden. Wie später herauskommen sollte, war Hokkaido auch die Heimat des ersten Tiers in Chiba, bei dem im August BSE festgestellt worden war. Eine weitere am 23.11. gemeldete Parallele: Beide Tiere hatten Futter aus dem Unternehmen Hokuren auf Hokkaido erhalten. Ob nun Ursprung der Tiere oder des Futters den Zusammenhang zwischen den beiden BSE-Fällen darstellen, konnte bis Ende November noch nicht abschließend geklärt werden.

Auch wenn Medien und Bevölkerung schockiert auf den zweiten Fund reagierten, hatten sie zumindest nun die Bestätigung dafür, dass die Regierung nicht bei dem Versprechen von großangelegten Tests halt machen würde, sondern diese tatsächlich durchführt. Doch der zweite Fund könnte die japanische Bevölkerung auch dazu anregen, die Regierung, die übereifrig die Sicherheit des japanischen Rindfleisch deklariert hatte, kritischer zu hinterfragen. Wie ein Kolumnist der Tageszeitung "Asahi Shinbun" hierzu am 22.11. anmerkte, sind "Sicherheits-Pläne zum Scheitern verurteilt, wenn die Leute, die sie machen, Sicherheit als selbstverständlich ansehen." Er merkte kritisch an, dass endlich verstanden werden müsse, dass "Gefahr die Basis für deren Pläne" sein sollten.

Auch wenn sich zumindest Teile der japanischen Bevölkerung über ein gewisses Risiko beim Verzehr von Rindfleisch bewusst ist, normalisiert sich das Fleisch- Essverhalten in Japan wieder. Schließlich kommt ja der Großteil des Fleisches nicht aus Japan, so das häufigste Argument. Laut Berichten unserer Korrespondentin in Tôkyô, UCHIDA Yukiko, bilden sich nun auch wieder Schlangen vor den Yaki-Niku- Restaurants und die Fast Food Läden, die auf Schildern im Eingansbereich ihrer Lokale auf die Herkunft ihres Fleisches aus den Vereinigten Staaten oder Australien hinweisen, nehmen schrittweise ihre hastig eingeführten Sonderaktions-Burger mit Hühnchen- und Schweinefleisch wieder aus dem Sortiment. Ob daran die heutige Meldung des dritten BSE- Falls in der Gunma- Präfektur etwas ändern wird?

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