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Abenddämmerung im Lande der aufgehenden Sonne
Was ist los im (angeblichen) asiatischen Musterländle?
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Neulich beschlossen auch Nisseki Oil, zweitgrößter Heizöl- und Benzinproduzent in Japan, und Mitsubishi Oil (Nr. 6) die Fusion fur April nächsten Jahres, um "Fremdkapital" abzuwehren. Es drängt sich durchaus der Verdacht auf, der in der Vergangenheit immer wieder von bösen Zungen formulierte Vorwurf, Japans Nationalismus sei nicht mit der Niederlage im Krieg erledigt worden, sondern wurde nun eben nur auf anderem Wege, nämlich ökonomischem, ausgelebt, sei tendenziell so nicht ganz falsch gewesen. Folgt man dieser Vorstellung, dann befindet sich Japan jetzt, nach über zwei Jahrzehnten wirtschaftlicher Kolonialisierung der Welt, in einem ökonomischen Abwehrkampf.
Zu diesem trägt die Politik bis jetzt nichts Sinnmachendes bei, sie ist nach 50 Jahren quasi automatischem Super-Wirtschaftswachstum überfordert. Nachdem die Regierungen der vergangenen Jahre immer wieder Programme - mehr oder weniger vergebens - zur Ankurbelung der Wirtschaft starteten, mit bereits eingangs erwähnten schlimmen Folgen fur die Staatskasse (amüsanterweise rühmt sich Japan gleichzeitig, der Welt größtes Gläubigerland zu sein), ist die jetzige Führung unter Premier OBUCHI auf eine fast skurrile Idee verfallen: geplant ist, zur Steigerung der Binnennachfrage auf bestimmte "Luxusguter" (im Sinne von: keine Nahrungsmittel, keine einfachen Korperpflegemittel usw.) Rabattscheine (shohinken) auszugeben, die zu einem günstigeren Kauf der Ware berechtigen. Der Fehlbetrag soll den Händlern auf Staatskosten erstattet werden. Die gesteigerte Binnennachfrage soll sodann zu einer Zunahme der inländischen Produktion und somit zu einer Konjunkturbelebung führen, was selbstverständlich voraussetzt, daß die Scheine nur für heimische Güter eingesetzt werden dürften. Abgesehen davon, daß nicht gesichert ist, ob die so verbilligten Waren nicht ohnehin über die Ladentheke gegangen wären, ein Effekt also mithin kaum spurbar wäre, wäre dennoch erneuter Ärger mit den USA und anderen Staaten wegen Wettbewerbsverzerrung sicher. Darüberhinaus ist sich auch die Koalition von LDP und Freiheitliche Partei (Jiyuto) uneins über das Hauptziel einer solchen Maßnahme. Während die LDP die Rabattscheine nach obigem Muster vor allen Dingen als Konjunkturstimulanz einsetzen möchte, ist ihr Regierungspartner vor allen Dingen an der wohlfahrigen Wirkung interessiert. Daher versucht die Liberal-Soziale Partei auch seit den Koalitionsverhandlungen, statt einer bestimmten Kontingentierung der auszugebenden Scheine, ein Recht für alle Geringstverdiener auf Rabattscheine, die dann auch selbst für Grundlebensmittel gelten sollten, durchzusetzen. Durch die weitaus größere emittierte Geldmenge wäre selbstverstandlich auch die vermeintliche konjunkturelle Wirkung größer, jedoch würden solche Experimente dem Staatshaushalt den Rest geben. Selbst wenn man, wie offenbar Obuchi und die Fuhrung der LDP, Keynsianer ist, eine positive Wirkung erhöhter Staatsausgaben auf die Konjunktur also grundsätzlich fur möglich halt, bleibt doch fraglich, ob die Ergebnisse die vorauszusehenden erheblichen Verwaltungskosten rechtfertigen (2).
Um mit dem Titel zu sprechen: tatsächlich lacht momentan die Sonne nicht mehr über Japan, sie steht schon ziemlich tief. Da es sich aber bekanntlich um eine reichlich abgedroschene Binsenweisheit handelt, daß auf jeden Abend auch ein Morgen folgt (man mag dabei ruhig den Namen "Nippon" als gutes Omen nehmen), wird auch Japan, nach entsprechenden Anstrengungen, wieder bald in vollem Saft stehen. Bis dahin stehen allerdings noch vielfältige Reformen aus, nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern insbesondere auch im Bereich Bildungs- und Erziehungswesen. Im Übrigen hat der ganze Schlamassel bei allen üblen Folgen fur die Weltwirtschaft und Japan selbst auch sein Gutes: jahrzehntelange Mißstände bedürfen eben erst einer mehr oder minder schlimmen Krise, bevor sie endlich, als Wurzel des Übels, erkannt und beseitigt werden können; und dem Ausland wird endlich auch einmal ein kränkelndes Japan vorgeführt. Das stärkt das Selbstvertrauen, sofern das eigene Haus wohl bestellt ist - das auch in Deutschland noch einige Fehlentwicklungen, trotz einer wieder erstarkten Wirtschaft, unbedingt ausgemerzt werden müßten, ist zwar allgemein bekannt, sollte aber, gerade nach einer solch ausgiebigen Kritik an einem anderen Staat, nicht unerwähnt bleiben.
(1) Diese Angaben entstammen der Asahi Shinbun (japanische Originalausgabe), Tagesausgabe vom Montag, 3. Dezember 1998 (2) siehe hierzu auch den Spiegel,Nr 49/98
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