Der Konbini
Gästebuch
Japanlink Forum
Kontakt
Impressum
Umfrage
|
|
| l a n d |
Der Konbini
Bequeme Konsumoase
(Seite 2 von 2)
<< zurück zu Seite 1
Die Mittelregale messen alle etwa 150 cm in der Höhe, die Abstände zwischen ihnen sind genormt. Auch kleinere Japaner können von jedem Punkt des Ladens aus den gesamten Innenraum überblicken. Diese Transparenz gibt ein Gefühl der Sicherheit. Nie entsteht Platzangst oder Orientierungslosigkeit im sonst so engen Japan.
Kennt man einen kennt man alle. Und so würde ich mich jetzt nicht nur in meinem Mini Shop sondern in jedem beliebigen japanischen Konbini sofort zurechtfinden. Das minimiert den Zeitaufwand im Land der knappen Ressourcen. Zielstrebig finde ich eingeschweißt in eine Plastikpackung meine Lieblingsspeise Okonomiaki. Absolut frisch. Rechts davon greife ich blind nach einer Flasche kaltem grünen Tee. Dann fehlen nur noch der Pack Batterien und die Kakerlakenfalle. Und schon stehe ich an der Kasse. Noch ist ein anderer Kunde vor mir. An der Rückseite der Kasse ist ein Bildschirm angebracht. Gähnend beobachte ich, wie sich Wetterbericht, Verkehrslage, News und Werbung auf dem Plasmaschirm abwechseln.
Je nach Tageszeit wuseln in einem Konbini zwischen nur einem bis zu 6 uniformierte Mitarbeiter herum. Sie sind rastlos damit beschäftigt Waren anzunehmen, Regale aufzufüllen, Kunden zu bedienen, die Böden zu schrubben oder auch nur Menschen Auskunft zu erteilen, die in den Laden kommen, um nach dem Weg zu fragen. arubeito nennt man die hire-and-fire Teilzeit-Beschäftigungsform dieser Angestellten. Vor allem Schüler, Studenten, Hausfrauen, Rentner oder Menschen, die sonst arbeitslos wären, halten die Konbinis für einen Hungerlohn zwischen 600 und 1000 Yen pro Stunde am Laufen. Das drückt die Personalkosten, führt aber trotzdem nicht zu Mängeln in der Servicequalität. Denn die Bedienung des Kunden ist eine Ehre für den Angestellten. Dank dieser japanischen Philosophie wird auch in meinem Mini Shop der Kunde jederzeit höflich und hilfsbereit bedient.
Natürlich auch als Ausländer, wie ich es einer bin. Ein süßlich-quäkendes Begrüßungs-irashaimase der Bedienung reißt mich aus dem Halbschlaf und signalisiert mir, dass ich an der Reihe bin. Schnell sind die Barcodes meiner Waren gescannt. Altersgruppe, Geschlecht verbunden mit Ort und Uhrzeit des Einkaufs werden unbemerkt gleich mit erfasst. Alle Daten werden online an eine Zentrale übermittelt, mit deren Hilfe nicht nur die nächste Lieferung zusammengestellt wird. Ein perfektes Point-of-Sales System. Für jeden Laden wird das Sortiment anhand der Käuferstruktur und des Käuferverhaltens optimiert. Nur Waren, die Kunden dieses Konbinis auch wirklich kaufen werden angeliefert. Würden also mehr Leute wie ich hier einkaufen, gäbe es um diese Uhrzeit mehr Einheiten Okonomiaki und eine größere Auswahl an Ungeziefervernichtungsmitteln. Der wirtschaftliche Erfolg der Konbinis beruht auf diesem perfekten Informations- und Distributionsnetzwerk. Dieses sorgt dafür, dass alle Regale immer mit den frischesten Waren zu jeder Tages- und Nachtzeit gefüllt sind, ohne dass dazu im Shop selber Platz für eine größere Lagerfläche verschwendet werden muss. Kein Lager bedeutet auch bei Veränderungen der Nachfragestruktur kürzeste Reaktionszeiten bei der Anpassung des Warensortiments. Jeder Konbini wird nachfragegesteuert bis zu sieben Mal täglich von flexiblen Mini-LKWs versorgt. Diese sind extrem wendig, können selbst in engsten Straßen rangieren und quirlen sich geschickt selbst zu Stoßzeiten durch den Tôkyôter Stadtverkehr.
Die Bedienung erledigt noch meine Rechnungen, wärmt mein o-bento in der Mikrowelle auf, und schon bin ich wieder auf dem Rückweg nach Hause. Dass Japan wie der Rest der Welt mitten in einem Wirtschaftstal steckt, merkt man in der Konbini Brache kaum. Während die Konsumkrise in Japan ein Warenhaussterben mit sich gebracht hat, bleiben die Konbinis wahre Goldgruben. Sie haben im Schnitt 800 Kunden am Tag, von denen jeder Waren im Wert von knapp 700 Yen kauft. Alle 8 Tage wird so ein Laden einmal ausverkauft - eine traumhafte Turnover-Rate. Pro Quadratmeter Shop werden rund 2 Millionen Yen umgesetzt, die Profitmarge liegt bei 30 Prozent.
Konbinis sind nicht nur die perfekte Umsetzung der japanischen Servicementalität. Sie reflektieren auch die alltäglichen Lebensgewohnheiten der Japaner, Veränderungen werden in Echtzeit adaptiert. Konsumoasen, die sich evolutionär perfekt an ihre japanische Umgebung angepasst haben. Sie sind auch ein Spiegelbild der japanischen Gesellschaft und Kultur. Als Resultat extremer räumlicher und zeitlicher Enge konnte der Konbini nur im Land der knappen Ressourcen wie Japan erfunden werden. Nichts ist hier so wertvoll wie Zeit und Raum. Für den Kunden bedeutet dies, dass er mit dem geringst möglichen zeitlichen Aufwand ein Maximum an Besorgungen und Erledigungen machen kann. Der Anbieter kann dies dem Kunden auf einer minimalen Fläche anbieten. Effizienter geht es nicht.
Manchmal gehe ich, wie viele Japaner auch, nur mal kurz in einen Konbini rein, um mich an heißen Sommertagen abzukühlen, während der Regenzeit unterzustellen, im Winter aufzuwärmen oder auch einfach nur um eine Zeitschrift zu lesen, während ich den Akku meines Mobiltelefons auflade. Sehr konbini eben.
Seitenanfang
JAPANLINK
| aktuelles | medien & kultur | land & leute | geschichte &
politik | special | über japanlink |
© 1997-2009 by 
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung auf Datenträger wie CD-ROM, DVD-ROM und anderen Internetseiten
sowie Nachdruck dürfen nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung von APIX erfolgen.
|
 |
 |