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Be wild and get sexy

Von Kerstin Schmidt-Denter

Fünfzehn Zentimeter hohe Absätze in weißen Stiefeln. Vier Beinpaare, unter kurzen, sehr kurzen Röcken beinahe im Gleichschritt. So überqueren die vier Mädchen lachend eine der breiten Straßen in Shibuya. Sie tragen leuchtende, pinke Tops, ihre Haare sind gebleicht - braun oder blond - und haben eine erstaunliche Fülle, die mich neidisch machte, bevor ich Haarteile in allen Farben und Formen in den Schaufenstern sah. Aber das ist nicht der Grund, warum ich als Gaijin, als unwissende Westlerin, ihnen nachstarre. Kurze Röcke trägt hier fast Jede und die Phase der Plateauschuhe haben wir in Deutschland auch durchgemacht. Nein, ich starre ihnen ungläubig und wahrscheinlich mit leicht geöffnetem Mund nach, weil sie so braun sind, als würden sie jeden Tag mindestens 14 Stunden im Solarium verbringen. Dazu betont ein absurd helles Make up großzügig die Augenpartie, die Lippen glänzen in hellen Pastelltönen.
   
DIE Ganguro- Postille: Egg- Magazine
DIE Ganguro- Postille: Egg- Magazine

Passenderweise heißt der entsprechende Trend dann auch "Ganguro", nach gan = Gesicht und guro/ kuro= schwarz. Weitere Begriffe sind "Orange-Girls" (weil die Hautfarbe durch Bräunungscremes und Beta-Carotin-Tabletten oft einen eher gelblichen Farbton annimmt) oder "Egg-Girls", nach der Modezeitschrift 'EGG' ("be wild and get sexy"), in der sämtliche Stylingtipps für ein waschechtes Ganguro-Dasein aufgelistet sind. Aber wie kann ein solcher Trend sich gerade in einem Land wie Japan durchsetzen, von dem man im Allgemeinen denkt, dass als das klassische Schönheitideal die zurückhaltende Eleganz des Kimono und eine schneeweiße Haut präferiert wird?

Erstmals tauchten die Ganguro-Mädchen in Shibuya auf, diesem Stadtteil Tôkyôs, der die Geburtsstätte zahlreicher Modebewegungen ist. Dort beschloss bereits vor etwa vier Jahren eine kleine Gruppe: Wir wollen anders aussehen. Wie das so oft läuft mit neuen Trends, wollten auf einmal immer mehr Mädchen anders aussehen und die Ganguro bevölkerten bald das Straßenbild Tôkyôs. Die dunkle Gesichtsfarbe mag teilweise tatsächlich eine Auflehnung gegen die gängige Vorstellung der weißen Haut sein. Andererseits gilt dunkle Hautfarbe bei Japans Jugendlichen auch einfach als cool, hier ist es ja auch nicht anders. In den siebziger Jahren waren amerikanische Surfer und braungebrannte Beachboys in den Medien omnipräsent, in den 80ern kam der Hip-Hop, schwarze Hautfarbe gehörte einfach dazu.

Solche Trends werden oft kopiert - überall auf der Welt. Die japanischen "Orange-Girls" gaben sich allerdings nicht damit zufrieden. Sie nahmen einfach Elemente verschiedener Trends, kombinierten und variierten sie und schufen einen ganz eigenen Stil, der in seiner Vollendung denn auch eher an einen schlecht geschminkten Transvestiten erinnert als an einen surfenden Hip-Hop-Star.

Kein Wunder, dass das Phänomen der "Egg-Girls" nicht von allen Japanern mit Wohlwollen betrachtet wird. Dabei spielt die Sorge um die Hautkrebsgefahr oder die Tatsache, dass für ein solch modisches Outfit schon mal 50 000 Yen hingeblättert werden, eine eher unbedeutende Rolle. Ein größeres Problem für viele Japaner ist die bewusste und forcierte Ausgrenzung aus der Gruppe, eine Vorstellung, die in der eher kollektivistisch als individualistisch geprägten Gesellschaft Japans auf relativ wenig Zustimmung stößt - zumindest bei den Älteren.

Andererseits treten Mädchen im Ganguro- Outfit nahezu immer auf, wie die vier, die zu Beginn des Artikels beschrieben wurden - nämlich in der Gruppe. Selten steckt hinter dem "rebellischen" Äußeren eine politische Aussage oder gar ein Angriff auf die Gesellschaft. Es drängt sich eher der Verdacht auf, dass die glitzernden Spängchen im blondierten Haar und das pastellfarbenem Make-up auf brauner Haut Bestandteil einer Art Uniform sind, die die Zugehörigkeit zu einer Gruppe demonstriert. Der Gruppe der Ganguro.

Aber Vorsicht: Wer nun auch dazugehören will und für seinen nächsten Japan-Aufenthalt plant, sich trendy im Ganguro-Look zu stylen, könnte dabei leicht ein Opfer der schnelllebigen Mode Shibuyas werden. Inzwischen sieht man bereits immer mehr junge Mädchen, die bleichende Creme auftragen, anstatt ins Sonnenstudio zu gehen. Denn seit die Pop-Sängerin Namie Amuro (einst dunkel gebräunt) ihr Comeback mit strahlend weißer Haut feierte, ist der schneeweiße Teint wieder schwer im Kommen... Eine Rückbesinnung auf klassische japanische Ideale? Eine Zurschaustellung der "sauberen" Gesinnung? Eine Reaktion auf alarmierende Werte der UV-Einstrahlung? Oder doch einfach nur ein neuer Modetrend?

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