Sitzender Protest oder Modeerscheinung?
Von Christine Ulrich
Geduldig auf ihren Sohlen ausharren, wenn sie in der überfüllten Bahn keinen Sitzplatz abbekommen oder Massenveranstaltungen beiwohnen, die sich über Stunden hinwegziehen. Den anschließenden Rückweg zur Bahn, oft eine kilometerlange Strapaze durch dichtgedrängte Massen mit Fassung tragen. Sich mit den Freunden ruhig und diszipliniert in der Öffentlichkeit verhalten, dieses Bild der japanischen Jugend, das lange Zeit Gültigkeit hatte, trifft auf die "Jibetarian" genannten Jugendlichen nicht mehr zu.
Jibetarian bekennen sich ihrer müden Beine und nehmen dort Platz, wo es ihnen gerade gefällt. Seit Ende der 90er Jahre entdeckt man in den Metropolen und auch in Kleinstädten immer mehr Jugendliche, die in belebten Straßen japanischer Städte, deren Bahnhöfen und auch in Zugabteilen auf dem Boden sitzen.
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 |  Hinsetzen, wo man geht und steht: Jibetarian in Tôkyô. Bild: © KASAGI Hidenori (mi-ri meter)/ AOHARA |
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Ihr Name, von erfinderinderischen Medienleuten verpaßt, der bereits Aufnahme im Wörterbuch der Gegenwartssprache gefunden hat, setzt sich zusammen, aus dem japanischen Wort jibeta (der (nackte) Boden) und der englischen Endung "-rian", für jemanden, der etwas aus Überzeugung tut; wie zum Beispiel "Vegetarian".
Laut einer Umfrage der Yomiuri Shinbun im Oktober 1998 sind nicht allein mangelnde Sitzgelegenheiten der Grund dafür, daß Jugendliche sich zum Boden hingezogen fühlen. Es geht ihnen vor allem darum, anders sein zu wollen, als man es ihnen vorschreibt und zu provozieren. Denn sie versammeln sich auf dem Boden nicht nur für eine kurze Rast, sondern verweilen dort oftmals mehrere Stunden.
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 Bequemeres Warten auf die Bahn. Bild: © KASAGI Hidenori (mi-ri meter)/ AOHARA |  |
Japans Ärzte sehen das pragmatisch. Für sie ist das mangelnde Stehvermögen der Jugendlichen eher eine direkte Folge der Tatsache, daß sie immer weniger Sport treiben, sich aber gleichzeitig durch zunehmende Fastfoodkost ungesund ernähren.
Aus europäischer oder amerikanischer Sicht erscheint das Phänomen der Jibetarin sicherlich nicht als problematisch. Bedenkt man jedoch, daß in Japan absolut niemand den Wohnraum mit Straßenschuhen betritt, man auf dem WC in eigens bereitgestellte Klopantoffeln schlüpft und selbst in öffentlichen Einrichtungen oft aufgefordert wird, die Schuhe gegen Slipper zu wechseln, so ist das Verhalten von Jugendlichen, die sich mit ihrer Kleidung auf die Straße setzen, nichts anderes als eine völlige Missachtung der althergebrachten Vorstellungen von Reinlichkeit.
Ich erinnere mich noch an folgende Situation: als ich eine öffentliche Sauna betrat, war vor der Rezeption die Grenze zwischem "reinen und unreinen Bereich" durch den Farbwechsel des Teppichs gekennzeichnet. Ahnungslos übertrat ich mit Straßenschuhen die Schwelle zum "reinen Bereich". Ich hätte wohl nichts schlimmeres anstellen können. Mein ungeschicketes Verhalten rief blankes Entsetzen hervor. Unzählige Male wies man mich auf meinen Fehltritt hin und bat mich, beim nächsten Mal doch achtsamer zu sein.
In Anbetracht dieses Hintergrundes wird die Brisanz der Erscheinung der "Jibetarian" auch für Aussenstehende nachempfindbar.
Die Hoffnung, daß es sich bei den Jibetarian um eine kurzlebige Modeerscheinung handelt, die bald wieder aus dem Straßenbild verschwindet, scheint als unbegründet. Mit zunehmender Anonymisierung der Gesellschaft haben Jugendliche die Hemmschwelle, mit dem traditionellen Verhaltenskodex zu brechen, überwunden und äußere Einflüsse wie das Internet, werden dazu beitragen, dass die japanische Jugend sich in ihrem Verhalten weiterhin an der westlichen Jugend orientieren wird.
Das Sitzen auf öffentlichem Boden, ist neben weiteren neuen Attitüden, wie zum Beispiel dem lauten Telefonieren mit dem Handy, Schminken oder Essen in der Öffentlichkeit, nur eine Weise, auf die Jugendliche ihr neu gewonnenes Lebensgefühl zum Ausdruck bringen. Möglich, dass die ersten Verfechter dieser Lebensart noch einen revolutionären Gedanken ins sich trugen, dass aber die jetzigen "Bodenhocker" eher die "Coolness" einer solchen Aktion anspricht.
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