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Jugendgewalt
Entwicklung einer gewaltbereiten Bevölkerungsschicht in Japan

Von Marc Verfürth

Am Samstag, den 26. Juli 1997 berichteten deutsche Tageszeitungen über einen japanischen 15jährigen aus Kobe, dem der Überfall auf mehrere Kinder und die Morde an einem zehnjährigen Mädchen und einem elfjährigen Jungen zugerechnet wird. Letzterem hatte er den Kopf abgetrennt und auf den Zaun der Schule des Jungen gespießt. Diesen schrecklichen Ereignissen vorhergegangen waren die Greueltaten der Aum Shinri-Kyô-Sekte um ihren Führer ASAHARA Shôkô im letzten Jahr, deren Mitglieder sich ausschließlich aus jungen Studenten der Naturwissenschaften rekrutierten (zur Erinnerung: auf das Konto der Aum-Sekte ging nicht nur der Giftgasanschlag in einer Tôkyôter U-Bahn-Station, bei der über 5000 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, sondern ihr wurden ebenso auch andere schwerste Verbrechen, wie beispielsweise regelrechte Hinrichtungen und Erpressungen, nachgewiesen).

Diese Gewalttaten sind nicht als bedauerliche, seltene Unfälle zu werten - sie sind vielmehr der Ausdruck einer gefährlichen Mischung, nämlich extremem gesellschaftlichen Druck einerseits und einem wachsenden Mangel an geistigem Halt andererseits.

Wie stellt sich das Zusammenspiel dieser beiden Aspekte nun konkret dar? Hierzu sei zunächst auf das allgemein übliche, oft mit massiver psychischer und physischer Gewalt verbundene Mobbing von Schülern und Lehrern gegen widerspenstige Mitschüler in den Grund-, Mittel- und Oberschulen verwiesen.
Man sollte nicht den Fehler machen und Japan als Sonderfall, als Paradies-Insel mit traumhaft niedrigen Kriminalitätsraten und ausgeprägter Konsensgesellschaft, von allgemeinen Entwicklungen in Europa und in den USA ausnehmen. Tatsächlich konnte Japan seine Konformität immer schon nur durch immensen gesellschaftlichen Druck auf jedes einzelne Individuum aufrechterhalten; jeder, der auszuscheren sucht, wird bis heute durch Androhung gesellschaftlicher Ächtung, deren eine Form oben erwähntes Mobbing in den Schulen ist, wieder in die Kolonne zurück gezwungen. Ziel dieser Gesellschaftskonzeption war und ist nicht, wie im Westen, das Zusammenleben zu erleichtern, sondern, die Gesellschaft als ganzes voranzubringen, sich zunächst ganz in ihren Dienst zu stellen, um dann davon als einzelner zu profitieren. Dieses Ziel wird von den immer stärker am Westen orientierten Jugendlichen jedoch immer weniger mitgetragen; es entsteht ein Vakuum, das viele japanische Heranwachsende empfänglich macht für dubiose, in der Regel der Gesellschaft feindlich gegenüberstehende Sekten oder Kulte - denn die traditionellen Religionen spielen in der insgesamt eher agnostischen Gesellschaft (dies soll nicht wertend gemeint sein) kaum noch eine Rolle als Halt und Wertevermittler; wie mühsam durch Eltern und Lehrer antrainiert, ordnen die jugendlichen Anhänger der sektiererischen Gemeinschaft alles unter und schrecken mitunter auch vor Straftaten und Gewalt nicht zurück - tendenziell sind solche Verhaltensweisen zwar auch in westlichen Staaten auszumachen, jedoch wird die Hingabe an die Ideologie der Gruppe nicht so dermaßen überzogen. Auch beim eingangs erwähnten 15jährigen gibt es einen quasi-religiösen Hintergrund: er nannte laut Zeitungsberichten die Ermordung des elfjährigen Jungens einen „heiligen Ritus".

Zu behaupten, die gewaltverherrlichenden Mangas (japanische Comics) würden die japanischen Jugendlichen zu immer größerer Gewaltbereitschaft anheizen, erscheint, wenn man die gesamte gesellschaftliche Problematik Japans im Auge hat, lächerlich oberflächlich und gleicht den Unkenrufen überdrehter Pädagogen hierzulande über die Gefahr gewalttätiger Krimi-Streifen und von Hardcore-Horrorfilmen (welche sich in Japan beinahe ausschließlich der Gunst junger Schulmädchen, die bisher kaum durch besondere Gewaltbereitschaft auffielen, erfreuen) für unsere Jugendliche.

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