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Keiner sagt Gesundheit!
Über die Höflichkeit beim Niesen

Von Andreas Fels

Es war im März 97, als ich mit Erik von Tôkyô über Kyôto und Ôsaka nach Miyazaki reiste. Nun, es hätte alles so toll sein können: Der Flug war relativ günstig, der Mitreisende durchaus unterhaltsam, das bis zu diesem Zeitpunkt gelernte Japanisch reichte aus, um zurecht zu kommen und einige Homestays - also diese Dinge, die einen Auslandsaufenthalt so ungemein lehrreich und preisgünstig machen - standen auf dem Programm. Also alles wunderbar? Nicht ganz. In Kyôto angekommen und im relativ schmierigen, dafür aber für japanische Verhältnisse billigen Uno- Gaijin- House abgestiegen, wurden wir von brutaler japanischer Kälte aus den Sandalen geschlagen - die wir zu dieser Jahreszeit gottlob nicht trugen.
Wir hatten also Handschuhwetter und die japanischen Kinder liefen - die im Wetterempfinden kalendergesteuerten Eltern wollten es so - in kurzen Hosen herum und wir froren. Besonders nachts, als die Kälte im mäßig wärmeisolierten Uno-House durch die daumendicken Futons in unser Gebein kroch. Schließlich war sie da: Die unvermeidliche Erkältung und - teilweise auch von ihr bedingt - die schlechte


Erik und ein Mundschutz vor Aoshima
Laune. Über letztere kamen wir schnell hinweg, erstere bescherte uns die Erfahrung, von der dieser Artikel eigentlich handeln sollte.
Einmal kam es vor, daß Erik die Nase gerade mal erkältungsbedingt voll hatte und das dort Angesammelte geräusch- und weniger inhaltsreich durch einen Nieser entließ. Pflichtbewußt trötete ich ein fröhliches „Gesundheit!" zurück und damit war ich allein - obwohl noch etwa 5 andere inzwischen befreundete oder zumindest bekannte Menschen im Raum saßen.
Betretenes Schweigen? Zufall? Oder böswillige Ignoranz von ungehobelten Zeitgenossen? Der Zufall schloß sich bald aus, da Erik an diesem Nachmittag noch mehrfach den aufgebauten Spannungen freien Lauf lassen mußte. Immer wieder mit dem gleichen Ergebnis: Keiner sagt Gesundheit!
Nun sollte man nicht gleich erbost sein und den Durchschnittsjapaner für einen ungehobelten Ignoranten halten, dem Höflichkeit gänzlich fremd ist. Denn genau das ist er in diesem Augenblick nur: höflich. Man befreit nämlich den Niesenden von der Peinlichkeit seiner Tat indem man so tut, als sei es ihm gar nicht aufgefallen.
Irgendwann wußten wir das dann genauso, welch barbarische Ausländer wir dadurch waren, daß wir niesenden Japanern durch diese Formel eine baldige Genesung wünschten.
Also eigentlich eine sehr entgegenkommende Sitte. In die gleiche Richtung gehe, nach japanischem Bekunden, das Tragen von Mundmasken, wie wir sie hier beispielsweise von Zahnärzten und von Michael "Hello, I love you!" Jackson kennen. Diese soll die Mitmenschen vor einer Ansteckung mit der eigenen Erkältung in der Straßenbahn, dem Bus, auf der Straße, im Fahrstuhl, im Büro und wahrscheinlich auch in der eigenen Familie schützen.
Bis zum Ende konnten wir nicht erfahren, ob dies nicht eher doch aus eher egoistischen Motiven des Eigenschutzes geschieht und eben jener winkende und tanzende „King of Pop" der Trendsetter bei dieser Vermummung war. Naja, egal. Dafür wurde es aber nach Kyôto T-Shirtwarm. Wen interessiert da noch ein Mundschutz oder eine fehlende "Gesundheit"-Floskel?

Nachtrag: Die Sitte, sich gegenseitig "Gesundheit" zu wünschen, wenn Festes, Flüssiges und Unsichtbares Nasen verläßt, soll hierzulande übrigens aus der Zeit stammen, als die Menschen mit der Widrigkeit Pest zu kämpfen hatten: Ein Schnupfen konnte der erste Hinweis auf den krankheitsgeschwächten Körper des Gegenübers sein. Also noch schnell dem Anderen (und sich selbst) Gesundheit wünschen und das Feld räumen. Japaner hatten indes nicht mit der Pest zu hadern, ein entsprechender Gruß etablierte sich daher nicht. In England wird im Übrigen noch pragmatischer mit den Niesenden umgegangen: Ein "God bless you" soll den Betroffenen gleich noch mit einem (letzten) Segen versorgen. Man weiß ja nie...

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