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KITANO "Beat" Takeshi
Regisseur, Schauspieler, Komiker, Drehbuchautor, Künstler und Geschäftsmann in Personalunion
Von Andreas Fels
Kennen Sie Gonin? In einer der letzten Szenen des '95er Films schlurft ein homosexueller Yakuza im Jogginganzug mit Augenklappe und einem Plastikregenschirm in den Regen der Tôkyôter Nacht und schießt auf alles, was sich an menschlichen Individuen im Umkreis bewegt. Eben dieser Mann, der hier als schweigsamer Gangster seiner Waffe das Wort lässt, ist in Japan auch als Entertainer bekannt, der in seiner Hoch-Zeit sieben verschiedene TV-Sendungen in einer Woche produzierte (und dabei meist auch Regie führte). Einige davon waren hochalberne Blödelshows, andere beschäftigten sich mit Politsatire und wieder andere waren Talk-Sendungen. Darüber hinaus macht er seit 1989 nicht nur als Schauspieler von sich reden, sondern tritt oft auch als Regisseur und Drehbuchautor seiner Filme in Erscheinung, die er teilweise selber schneidet. Sein kreativer Output beinhaltet zudem noch Lyrik, eine Reihe von Romanen und Erzählungen sowie Malerei. Dieser Überblick über sein Schaffen und die Tatsache, dass er neben John Woo wohl der einzige ostasiatische Regisseur ist, der sowohl den Kritikern in ihren Programmkinos, als auch den Action-Fans an ihren Videorekordern Freude bereitet, zeigen, wie überfällig ein Portrait KITANOs auf Japanlink war.
KITANO Takeshi wurde 1948 in Tôkyô geboren und wuchs dort im Stadtteil Adach unter eher ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater verdiente sich als Anstreicher, aber auch mit Gelegenheitsjobs für die Yakuza sein Geld, das er oft in Alkohol umsetzte. Mit Tätowierungen gezeichnet war Takeshis Vater von den Nachbarn im Viertel respektiert und wurde stets freundlich gegrüßt. Takeshi begann nach der Schule ein Ingenieurs-Studium, welches er aber, als Rädelsführer einer Studentenrevolte der Universitätsleitung unangenehm aufgefallen, bald abbrechen musste. Er versuchte, den Kindheitstraum Boxer zu werden, zu verfolgen und trainierte eine Zeit lang hart am Ring und mit den Gewichten. Doch es lief nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte und letztendlich landete er als Fahrstuhlführer in einem edlen Stripetablissement. Hier traten zwischen den einzelnen Strip-Nummern berühmte Komiker auf und Takeshi hatte ein neues Ziel vor Augen: So etwas wollte er auch machen. Von einem alten Meister der manzai- Komik, FUKAMI Sensaburô, lernte er alles, was er wissen musste und durfte sein angeeignetes und natürliches Können in dem Strip-Lokal beweisen. Er hatte Erfolg und trat bald mit seinem Komiker-Kollegen KANEKO Kyôshi als das "Two-Beats"-Duo (hier liegt auch der Ursprung seines Spitznamens "Beat") auf. Nach mehr als sieben gemeinsamen Jahren auf der Bühne trennte sich KANEKO Anfang der 80er Jahre von KITANO, weil er dessen aggressiven und oft extrem beleidigenden Humorstil nicht mehr ertragen konnte. Nun begann KITANOS große Solo-TV-Karriere und seine Arbeit als Schauspieler. 1980 trat er in dem Film Makoto-Chan auf, bevor er über den US-koproduzierten
Kinoplakat des Films Kikujiro no natsu | Furyo - Merry Christmas, Mr.Lawrence (Senjou no Merii Kurisumasu) aus dem Jahr 1983 in der (kleinen) Rolle des Sergeant Gengo Hara Zugang zu bedeutenderen Rollen bekam. Regisseur wurde er eher durch Zufall: In der Vorbereitungphase von Violent Cop (Sono otoko, kyobo ni tsuki), in dem er die Titelfigur Azuma spielte, wurde der geplante Regisseur des Films FUKASAKU Kinji ("Battle Royal") krank. KITANO, inzwischen erfahren im Inszenieren seiner diversen TV-Shows, bot sich für dessen Aufgabe an, die er mit Bravour und mit von Kritikern hochgelobter eigener kompromissloser Handschrift meisterte. Darauf folgten Boiling Point (San tai yon x jugatsu) im Jahr 1990 (wieder als Regisseur und Hauptdarsteller), 1992 A Scene at the Sea (Ano natsu, ichiban shizukana umi) (Regie, Drehbuch und erstmals Schnitt) und sein spektakulärer Auftritt als Yakuza- Streitschlichter Murakawa in dem 1993er Streifen Sonatine (Sonachine), in dem er neben der intensiven Gewalt aus Violent Cop auch eine mustergültige Charakterzeichnung und -entwicklung auf Zelluloid bannte.
1994 folgte noch seine Regie-, Drehbuch-, Schnitt- und Darstellerarbeit Getting Any? (Minna Yatteruka), bevor er im August diesen Jahres mit dem Motorrad gegen eine Betonstütze der Tôkyôter Stadtautobahn raste. Die Abendzeitungen meldeten den Tod des vor allen Dingen wegen seiner TV-Sendungen beliebten Multitalentes. Etwas voreilig, denn er konnte von Ärzten gerettet werden. Die Zeit der Genesung verbrachte er mehrere Monate im Rollstuhl, eine Zeit, in der er zu Malen begann. Die Bilder, die er hier malte, kommen zum Teil in seinem späteren Film Hana-Bi vor. Als eine Folge des Unfalls hatte er eine große Narbe auf der rechten Wange und eine Lähmung der rechten Gesichtshälfte davongetragen. Als er 1995 wieder als TV-Entertainer auftrat, trug er zunächst noch, wie in Gonin, eine Augenklappe. Inzwischen geht die Lähmung mehr und mehr zurück und KITANO erlangt seine ursprüngliche Mimik wieder zurück. Was heute noch von diesem Unfall zeugt, ist ein gelegentliches nervöses Zucken des rechten Augenlids.
Kaum wieder auf den Beinen trat er als Schauspieler neben dem erwähnten Gonin in dem US-Mainstream Streifen Johnny Mnemonic neben Keanu Reeves auf, bevor er 1996 seine Regisseur-Tätigkeit mit dem Boxer Drama Kids Return wieder aufnahm (auch Drehbuch und Schnitt). Mit seinem nachfolgenden Film Hana-Bi - Feuerwerk (Hana-Bi) gewann er 1997 den goldenen Löwen von Cannes. Seine aktuellen Filme Tokyo Eyes (1998, französische Produktion) und Kikujiro no natsu ernteten wieder hervorragende Kritiken.
Trotz ihres Erfolges im Ausland, sind KITANOs Autorenfilme in seinem Heimatland weit weniger beliebt und erfolgreich als seine TV-Shows und Bücher. Seine letzten Filme hat er selber als Verleiher in die japanischen Kinos gebracht, da sich kein größerer Verleih für seine drastischen Filme einsetzen mochte. Bleibt ihm und uns nur zu wünschen, dass es ihm nicht so widerfährt wie seinem Hong Kong-Kollegen John Woo, der inzwischen in Hollywood eher mittelmäßige Massenware abliefert.
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