Von Kerstin Schmidt-Denter
Auf den ersten Blick erscheint es vielen Europäern seltsam, daß man in Japan traditionell auf dem Boden sitzt. Aber ist es wirklich so sinnvoll, Stühle zu benutzen? Für Asiaten sicherlich eine ebenso abwegige Vorstellung behaglichen Wohnens.
Warum aber bevorzugen viele Japaner die auf dem Boden liegenden Sitzkissen? Zum einen ist diese Sitzweise Tradition und gehört sozusagen zur japanischen Kultur. Man unterscheidet zwei Grundarten des Sitzens: seiza und aguda. Bei seiza (übersetzt: sei = korrekt; za = sitzen) sitzt man auf den Fersen, mit aguda bezeichnet man den Schneidersitz, der üblicherweise den Männern vorbehalten ist. Frauen, die nicht breitbeinig sitzen sollten, nehmen daher im Fersensitz Platz. In einigen In-Cafes Tôkyôs aber finden sich auch schon moderne Frauen, die im aguda sitzen.
Ein weiterer wichtiger Grund sind vermutlich die beengten Verhältnisse japanischer Wohnungen. Da ist es einfach praktisch, wenn man den Platz auf der tatami-Matte, auf dem man tagsüber gesessen und gegessen hat, nach dem Ausrollen des Futon als Platz zum Schlafen verwenden kann.
Obwohl der westliche Einfluß sich in Japan recht stark bemerkbar macht, findet sich in den meisten Wohnungen daher auch heute noch neben einem mit Tisch und Stühlen eingerichtetem Zimmer ein traditionelles Tatami-Zimmer, in dem man auf dem Boden sitzt. Aus diesem Grund ist es in Japan auch tabu, mit Staßenschuhen in der Wohnung herumzulaufen. Oft sind sogar für Toilette und Bad verschiedene Slipper vorgesehen. In Schulen und Büros dagegen sind auch in Japan Stühle üblich, dort sitzt niemand mehr auf dem Boden.
Gesundheitlich gesehen ist die japanische Sitztradition durchaus sinnvoll. Der Fersensitz zum Beispiel ist eine der natürlichsten Sitzhaltungen überhaupt. Das erkennt man schon daran, daß Kinder oft stundenlang in dieser für viele Erwachsene so unbequem erscheinenden Haltung verweilen. Nach jahrzehntelangem Stuhlsitzen im Auto, Büro, Schule, Kino, Theater, Restaurant usw. dagegen muß sich der Körper erst schrittweise wieder an eine andere Sitzhaltung gewöhnen, weil Muskeln und Gelenke plötzlich anders beansprucht werden.
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