Aum, ASAHARA Shôkô und die neuen "Neuen Religionen" in Japan
Von Liane Tan
Einführung ins Thema: Was sind neue "Neue Religionen"?
Unter dem Begriff neue "Neue Religionen" faßt man die Gruppierungen zusammen, die zu Beginn der achtziger Jahre entstanden sind. Im wesentlichen unterscheiden sich diese Gruppen von den herkömmlichen Religionen dadurch, daß die Mehrzahl der Anhänger Jugendliche sind. Mit den althergebrachten Religionen, wie zum Beispiel Shintôismus oder auch Buddhismus kann sich ein Großteil der heutigen Jugend nicht mehr identifizieren. Ebenso scheinen auch die nach dem Krieg eingeführten "Neuen Religionen" für die jüngere Generation nicht mehr ansprechend zu sein, da sich diese Religionen in der Hauptsache damit beschäftigten, der Nachkriegsgeneration praktische Anleitungen zu geben, wie sie mit der schwierigen Situation fertig werden können. 1993 betrug die Anzahl der "Neuen Religionen" und der "Neuen Neuen Religionen" etwa 180.000; diese Gruppierungen können sich über einen regen Zulauf freuen, denn laut Statistiken gehört mittlerweile jeder zehnte Japaner einer Sekte an.
Aufgrund der Veränderung der wirtschaftlichen Situation Japans verlagerte sich auch das religiöse Interesse der Jugendlichen, die sich in dieser leistungsorientierten Gesellschaft nicht wohl fühlten und nach etwas anderem suchten. Die neuen "Neuen Religionen" scheinen den jungen Leuten eine Möglichkeit zu bieten. Da die Jugendlichen von klein auf von visuellen Medien umgeben sind, finden sie sich auch relativ leicht in der Welt der sog. "Hi-Tech"-Sekten zurecht, bei denen sie mittels hochmoderner Technologie angeblich mit außerirdischen Wesen "kommunizieren" können. Viele Jugendliche betrachten den Eintritt in eine solche Sekte, als Ausbruch aus den Zwängen der Gesellschaft, in der sie sich nicht als Individuen entwickeln können, sondern immer irgendwelchen Regeln unterliegen. Vermutlich versucht man sich hier auch gegen das bestehende System aufzulehnen.
Eine neue "Neue Religion": Aum
Chronik der Aum-Sekte
1984: Zu Beginn dieses Jahres gründete MATSUMOTO Chizuo einen Verein mit dem Namen Aum e.V., dessen Hauptaufgabe darin bestand, mittels Yogaübungen psychische Kräfte zu entwickeln. In der Anfangsphase erfreute sich dieser Verein großer Beliebtheit, denn gerade die junge Generation sah sich verstanden, und man fand eine Alternative zur Routine im täglichen Leben. Die jungen Leute sahen in MATSUMOTO Chizuo eine Art Vaterfigur, denn mit ihm konnten sie über alles reden, sowohl über religiöse Themen, als auch über beispielsweise Baseball, da er für alles eine Antwort fand und jedem zuhörte.
1987: Dieses offene Verhalten gegenüber seinen Schülern änderte sich in dem Moment, als MATSUMOTO Chizuo entschied, daß seine Gruppierung nicht länger "Aum-Gemeinschaft der Magier vom Berge" heißen solle, sondern in "Aum-Höchste-Wahrheit". Es erfolgte eine radikale Änderung. aum sollte jetzt zu einer religiösen Gemeinschaft werden, deren Rituale und Anschauungen aus dem tibetanischen Buddhismus stammten. Weiterhin bediente sich ASAHARA der Lehren der Zen Meister, der Hindu-Heiligen und der religiösen Asketen aus verschiedenen Jahrhunderten, um seine Yogaübungen zu komplettieren. Am wichtigsten erschien ASAHARA jedoch die Prophezeiung des bevorstehenden Weltunterganges. Zur Zentralfigur dieser Anschauung erklärte ASAHARA die prominente Hindogottheit Shiva. Dieser vierarmige Gott legt die Welt in einem kosmischen Tanz in Schutt und Asche, um sie dann in einem gewaltsamen Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt neu zu erschaffen. Genau diese Idee verfolgte ASAHARA seit dem Tag, an dem er Aum-Höchste-Wahrheit gegründet hatte.
Eine weitere Veränderung im Leben eines Aum-Mitgliedes war es, daß ASAHARA von seinen Schülern verlangte, ihn von nun an mit dem neuen Titel "Sonji", dem japanischen Wort für "Guru" anzureden, während vorher die Anrede "Herr ASAHARA" oder "Sensei" (Lehrer, Meister) ausreichend war. Darüber hinaus wurde den Anhängern erklärt, daß sie ihre "spirituelle Entwicklung" beschleunigen könnten, indem sie die Bücher des Meisters verkauften, Flugblätter verteilten oder Freunde und Bekannte zu den Kursen mitbringen würden.
Die Sekte erfreute sich immer weiteren Zulaufs, so daß im Herbst des Jahres 1987 bereits ein Büro in Manhattan eröffnet wurde. Zudem befanden sich mittlerweile in verschiedenen Großstädten Japans Zweigstellen der Sekte und aufgrund der Prophezeiungen ASAHARAs vom bevorstehenden Weltuntergang, riß der Zustrom auch nicht ab.
1988: Die erste Gemeinde Aum-Höchste-Wahrheit - gleichzeitig das Hauptquartier der Sekte- wurde am Fuß des Fujis in Kamikuishiki errichtet. Es entstanden fensterlose Geschäfte, die neben ärmlich aussehenden Holzhütten und Wohnanhängern standen, die wiederum als Unterkünfte für die einfachen Jünger der Sekte dienten. Ein 3m hoher Zaun umgab die Aum-Siedlung und markierte gleichzeitig die Abschottung der Gemeinschaft von der Außenwelt; somit sollte der, in den Augen Shôkô ASAHARAs, schlechte Einfluß ferngehalten werden.
1989: Im Frühjahr dieses Jahres stellte Aum bei der Stadtverwaltung Tôkyô den Antrag auf Anerkennung als ordentliche Glaubensgemeinschaft, da nach dem japanischen Körperschaftsgesetz somit erheblich Steuern gespart werden können. In Japan kann sich jede religiöse Gruppe als Religionsgemeinschaft registrieren lassen. Sie wird damit zu einer juristischen Person, was zur Folge hat, daß auf den eigenen Namen Grundbesitz erworben werden kann. Dazu kommt eine Steuerermässigung von etwa 30% gegenüber der üblichen Körperschaftssteuer.
Um als eine solche Gruppierung anerkannt zu werden, müssen drei Voraussetzungen erfüllt werden:
1. Die Gruppierung muß eigene Räumlichkeiten zur Religionsausübung besitzen
2. Die Gruppierung muß seit mindestens drei Jahren bestehen und
3. Die Gruppierung muß ihren Anhängern freiwilligen Bei- sowie Austritt gewähren.
Die Entscheidung über die Anerkennung Aums als religiöse Körperschaft wurde von Behörden verzögert, da mittlerweile Proteste einiger Eltern, über die Machenschaften der Sekte, publik geworden waren. Erst, als Aum-Höchste-Wahrheit einen Prozeß gegen den Bürgermeister wegen Verschleppung eines Verwaltungsentscheids anstrebte, wurde Aum schließlich im August des Jahres als ordentliche Glaubensgemeinschaft eingetragen.
Im November desselben Jahres verschwand der Rechtsanwalt SAKAMOTO mitsamt seiner Frau und seinem Kleinkind. Obwohl man einen Anstecker der Sekte am Tatort gefunden hatte, brachte die Polizei niemals Aum mit dem Vorfall in direkten Zusammenhang, dabei war dieser Anwalt bekannt dafür, daß er sich für die Eltern derjenigen Kinder einsetzte, die widerrechtlich von der Sekte festgehalten wurde. Er gründete sogar eine Elterninitiative. Erst 1995 nachdem die Polizei Razzien im Hauptquartier Aums veranstaltete und es zu Festnahmen kam, fand man heraus, daß SAKAMOTO und seine Familie von den Handlangern ASAHARAs umgebracht worden waren. Die Familie SAKAMOTO war das erste Mordopfer von Aum-Höchste-Wahrheit. Aufgrund der Trägheit der Polizei blieb ASAHARA genug Zeit, um alle Spuren zu verwischen. Die Ermittlungen der Polizei gestalteten sich zusätzlich noch schwierig, da sie sich keiner Anklage wegen Behinderung der Religionsfreiheit schuldig machen wollten, denn Aum war jetzt eine anerkannte Religionsgruppierung und diesen stand nach der Unterdrückung vor dem 2.Weltkrieg ein großer Spielraum zu.
1990: Im Februar kandidierte Aum als "Shinritô" für das Parlament. ASAHARA Shôkô bewarb sich um 25 Sitze im Unterhaus. Er prophezeite den absoluten Sieg, dennoch wurden er und seine Gefolgsleute vernichtend geschlagen. Von 500.000 möglichen Stimmen erhielt er gerade einmal 1.783 und das waren noch nicht einmal alle Stimmen seiner Anhänger, denn diese zählten in diesem Bezirk 1.800. ASAHARA warf den Behörden Wahlbetrug vor, dabei war er derjenige, der sich zuvor über die bestehenden Wahlgesetze hinweg gesetzt hatte.
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