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Aum Shinrikyô
Aum, ASAHARA Shôkô und die neuen "Neuen Religionen" in Japan

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Vor Aum gab es schon einmal eine buddhistische Sekte, Sôkai Gakkai, die einen eigenen Kandidaten aufgestellt hatte, aber im Gegensatz zu Aum erfolgreich war und inzwischen die drittgrösste Partei Japans ist. Der Mißerfolg ASAHARAs lag vermutlich darin begründet, daß seinem politischen Programm das Konzept fehlte, denn es bestand hauptsächlich aus einer Weltuntergangspredigt. Nach der Wahlniederlage geriet Aum-Höchste-Wahrheit in eine zuvor nie dagewesene Krise. Widererwarten traten viele Mitglieder aus, die während der Wahlkampagne wieder mit der "normalen" Welt in Berührung gekommen waren und sich entschlossen wieder in ihr früheres Leben zurückzukehren. Zudem geriet die Sekte in finanzielle Schwierigkeiten, denn der Wahlkampf hatte etwa 7 Mio. US Dollar verschlungen. Darüber hinaus verstärkte sich der Druck von außen, denn die Stadtverwaltung Tôkyôs weigerte sich Sektenanhänger zu registrieren und untersagte ihnen die Benutzung sämtlicher öffentlicher Gebäude.
Daraufhin faßte ASAHARA den endgültigen Entschluß die Gesellschaft zu zerstören, da sie korrupt sei und somit drastischere Maßnahmen erfordere. In jenem Jahr begann Aum mit der Forschung nach biologischen Waffen. Es wurde ein biochemisches Labor eingerichtet, indem MURAI Hideo (sog. Forschungsminister der Sekte; er leitete die Chemie- und Bakterienforschung) zunächst versuchte, anaerobe Bakterien zu züchten. Als erstes versuchte man den Botulinusbazillus herzustellen, der in sieben verschiedenen Typen auftreten kann, wovon der Typ A der lebensgefährlichste ist. Dieser Erreger, der als biologische Waffe schon seit langem bekannt ist, besitzt eine toxische Wirkung, die 16 mal stärker als die von Strychnin und 10.000 mal toxischer als das Gift einer Kobra ist. Für den Menschen ist, bereits weniger als 1 Mikrogramm tödlich. Die Auswirkung wird deutlich, wenn man sich klar macht, daß bereits ein Zuckerkorn mehr als 500 Mikrogramm wiegt. Wie Saringas, welches die Sekte später erfolgreich produzierte, ist auch Botulinus ein Nervengift, welches das körpereigene Nervensystem angreift und somit innerhalb von 18-36 Stunden einen Herzstillstand hervorruft. Die Produktion dieser Waffe, wie auch der Versuch andere Bakterien zu züchten, stellte sich als absoluter Mißerfolg heraus, denn die Wissenschaftler Aums hatten nicht bedacht, daß der Bazillus unter Einwirkung von Sauerstoff nicht überlebensfähig ist. Dieses geschah sehr zum Leidwesen ASAHARAs, der bereits einen Plan für seinen ersten Anschlag hatte. Im April desselben Jahres glaubte man das Problem gelöst zu haben und gleichzeitig war auch die Entwicklung eines Gerätes zur Verteilung des Giftes gelungen. Somit wurde ein Attentat auf das Parlamentsviertel Tôkyôs geplant, aber auch dieses Mal schlug der Versuch einer Vergiftung fehl.
br>1991: Aum hatte inzwischen 7.000 Mitglieder einschließlich der Anhänger in den USA und Deutschland, wo sich die Aum Zweigstelle in Bonn befand. Die Sekte begann sich von ihren finanziellen Schwierigkeiten wieder zu erholen und mit Hilfe von Spendengeldern war es möglich, daß Aum auf dem japanischen Baissemarkt Grundbesitz erwarb, auf dem dann neue Aum Zentren gebaut wurden. Die alten Zentren expandierten und wurden weiter ausgebaut. In Tôkyô eröffnete Aum ein 9 Betten Hospital, dem HAYASHI Ikuo (sog. Chefarzt der Sekte; wurde später wegen Freiheitsberaubung verhaftet) vorstand. Dieses Krankenhaus wurde sehr bald zum "Schreckenskrankenhaus", da man innerhalb von nur 18 Monaten (bis September 1993) 9 Todesfälle registrierte. Auch die Siedlung am Fuße des Fuji hatte sich stark vergrössert; es kamen mehrere Dutzend große Gebäude, Wohnungen, Büros, eine Schule, eine Klinik und Räume für religiöse Übungen hinzu. Laut ASAHARA war die Siedlung autark geworden. In dieser Siedlung gab es mittlerweile sogar eine eigene Presseabteilung Aums, in der die Vorträge ASAHARAs und das Aum-Magazin wie Vajrayana Sacca (Sanskrit= unzerbrechliche Wahrheit) veröffentlicht wurden.

1992: Im März begab sich ASAHARA nach Rußland und versuchte durch großzügige Spenden die Führung des Landes für sich zu gewinnen, was ihm im Jahre 1990 mißlungen war, da die bis zu dem Zeitpunkt herrschende kommunistische Partei eine Zweigstelle Aums in Rußland nicht akzeptieren wollte. Durch den Zerfall der UdSSR im Jahr 1991 standen ihm jetzt durch seine Spenden alle Möglichkeiten offen. Aufgrund der finanziellen Unterstützung Aums in Rußland, zogen viele andere potentielle japanische Geldgeber ihre Angebote wieder zurück. ASAHARA war in Rußland sehr erfolgreich, binnen weniger Monate zählte Aum Rußland etwa 10.000 Mitglieder. Natürlich war man weniger an dem Seelenheil der einfachen Menschen interessiert, als an den Kontakten zu russischen Wissenschaftlern, um Wissen über die Herstellung von chemischen Waffen zu erlangen. Die Wissenschaftler wandten sich bereitwillig an ASAHARA, da die Situation für sie in Rußland sehr schlecht war.

1993: Im Frühjahr hatte ASAHARA eine erneute Schreckensvision, die den Weltuntergang durch einen Nuklearkrieg immer näher kommen ließ. Er datierte den Untergang Japans auf den Zeitraum von 1996 bis Januar 1998. Deshalb veranlaßte er, daß sich seine Anhänger bewaffnen sollten, denn die Bedrohung gehe von den Vereinigten Staaten aus, die im übrigen schon jetzt täglich mit biochemischen Waffen gegen Aum vorgehen würden, was auch laut ASAHARA erklärte, warum so viele Mitglieder erkrankt seien. Aufgrund der Vorhersehung ASAHARAs, wurden die Lehrer Aums noch dogmatischer und predigten den Anhängern nur noch vom baldigen Untergang, so daß diese bald wirklich davon überzeugt waren. Im selben Moment begann man mit der eigenen Massenproduktion des russischen Sturmgewehrs AK-74.

1994: Nachdem im Februar das Aum-Chemielabor voll funktionsfähig war, versuchte man nun das Nervengas Sarin herzustellen. Für die Produktion benötigte Aum riesige Vorräte an Chemikalien, die im Prinzip in Japan nicht ohne Erlaubnis zu bekommen sind, aber Aum kaufte immer nur einzelne Bestandteile und fügte sie selbst zusammen. Zudem war es fast unmöglich eine Gruppe wie Aum zu stoppen, da sie als legitimer Käufer anerkannt war, denn Aum betrieb Kliniken, Industrieanlagen und Forschungszentren. Im Frühjahr war es endlich gelungen Saringas herzustellen und ASAHARA hatte auch schon die passende Gelegenheit gefunden es zu testen. Er hatte erfahren, daß das Grundstücksverfahren in Matsumoto vermutlich gegen ihn ausfallen würde, was zur Folge hatte, daß die dortige Zweigstelle aufgegeben werden müsse. Deshalb entschied er, daß die zuständigen Richter beseitigt werden sollten. Somit wurde also für den 27.Juni 1994 ein Attentat geplant. Der extra für dieses Attentat gebaute Kühllaster wurde auf einem Parkplatz neben dem Appartementhaus der Richter abgestellt und man wartete darauf, daß der Wind die giftigen Dämpfe verteilen würde. Es wurde keinerlei Rücksicht auf Anwohner genommen. Aufgrund des Saringasanschlags in Matsumoto starben sieben Menschen. Andere trugen bleibende Schäden davon, wie zum Beispiel: getrübter Blick oder Schädigungen der Lunge und des Darmtraktes. Als Verdächtige dieser Aktion galt nicht Aum, sondern ein Mann, der der Polizei den Vorfall als erster gemeldet hatte. Obwohl seine Unschuld längst bewiesen war, beharrte die Polizei auf der Schuldigkeit des Mannes, denn sie brauchten einen Schuldigen. Aum hatte mit dem Anschlag letztlich das Ziel erreicht. Die Sekte ist nicht als Attentäter beschuldigt worden und gleichzeitig wurde die Entscheidung der Richter auf unbestimmt verschoben.

1995: Das Jahr 1995 kann man als Höhepunkt und gleichzeitig als das Jahr des Niedergangs der Sekte Aum-Höchste-Wahrheit bezeichnen. Einen Tag vor dem geplanten Giftgasanschlag auf die U-Bahn Tôkyôs, fand am 19. März 1995 ein von der Aum-Sekte fingierter Brandanschlag auf das Sektenhauptquartier in Tôkyô statt. Man wollte damit erreichen, daß die Sekte bei dem am nächsten Tag stattfindenden Anschlag nicht als Hauptverdächtiger galt, denn die Polizei hatte mittlerweile schon einige Beweise gegen Aum-Höchste-Wahrheit gesammelt.

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