Ein Standard-Krieg zwischen dem europäischen WAP und dem japanischen iMode wird für nächstes Jahr auf europäischem Boden erwartet
Von Gyo Araiwa
Dem Handy wird noch eine große Zukunft prophezeit. Das Stichwort lautet Internet, die Aufmerksamkeit der Telefonierer wird in Zukunft mehr auf das Display des Handys gerichtet sein und sie stumm durchs WAP-Land surfen lassen. Ziel der Mobilfunk-Konzerne ist die Entdeckung des M-Commerce. In der Tat steckt hier ein ungeahntes Potential: neben den naheliegenden Beispielen wie Internet-Banking, Buchen von Reisen oder Teilnahme an Internet-Auktionen könnte bald der Benutzer selbst geortet werden, und durch eine z.B. ihm unbekannte Stadt oder zum nächsten italienischen Restaurant navigiert werden. Auf dem Weg dorthin könnte er von den umliegenden Geschäften über das Handy beworben werden.
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 |  Aktuelles i-mode Telefon mit Farbdisplay des Herstellers NEC |
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Die Grundlagen für diesen direkten Zugang der Anbieter zum Kunden wurde in Deutschland im März mit der Einführung von WAP-Handys gelegt, aber von einer erfolgreichen M-Commerce-Erfahrung lässt sich hier kaum sprechen. In ganz Europa wird der M-Commerce für dieses Jahr auf ein Umfang von US$ 15 Mio. geschätzt. Dass nach der Ernüchterung über den E-Commerce-Hype die Kunden in Europa sich nicht gleich einem neuen Boom verschreiben wollen, erscheint nachvollziehbar. In Japan jedoch, das in den letzten Jahren die schwerste Rezession in seiner Nachkriegsgeschichte erlitt, die sogar einen Rückgang des Privatverbrauchs nach sich zog, scheint diese Branche aufzublühen. Als weltweiter Pionier führte NTT DoCoMo, der Mobil-Ableger der vormals staatlichen Telefongesellschaft NTT, im Februar 1999 den mobilen Internet-Zugang mit seinem iMode-System ein. Inzwischen wurden selbst die kühnen Erwartungen der DoCoMo-Geschäftsführung übertroffen: über 12 Mio. Nutzer zählte iMode jüngst, das M-Commerce-Volumen wird für dieses Jahr auf US$ 400 Mio. geschätzt.
Schieben WAP-Anhänger den Erfolg auf kulturelle Eigenheiten des japanischen Marktes, so müssen auch sie eingestehen, dass iMode durch seine Benutzerfreundlichkeit besticht: technisch hat man schon länger ein System der Datenverschickung in Paketen übernommen, durch die Handys ständig online geschaltet sein können. Das heißt, neben einer recht günstigen Grundgebühr fallen Kosten nach transferierten Daten an: eine Banktransaktion z.B. würde unter 10 Pfennigen machbar sein, insgesamt belaufen sich iMode-Internet-Kosten im Monat auf durchschnittlich DM 20-30.
Ein offensichtlicher Vorzug ist die Verwandtschaft der Programmiersprachen, so dass ein herkömmlicher Web-Designer auch World Wide Web-Seiten schnell in iMode-Seiten umprogrammieren kann - was die Auswahl des Angebots fördert. Die Geschwindigkeit des Datentransfers ist zudem bei Wegschalten der Grafik zumindest so schnell, dass man nicht den Eindruck hat, im Internet zu surfen. Aber auch graphische Elemente können auf den iMode-Displays erscheinen - für eine monatliche Gebühr von etwa zwei Mark schickt der Spielwarenhersteller Bandai jeden Morgen an Millionen von Abonnenten eine neue bunte Fantasiefigur, die den Benutzer durch den Tag begleitet. Wie dieses verspielte Beispiel zeigt, ist ein großer Teil des iMode-Services stark auf ein junges Publikum zugeschnitten, aber gleichzeitig auch auf die Situation, in der sich der Nutzer befindet: man geht davon aus, dass iMode vor allem dann benutzt wird, wenn eine gewisse Wartezeit überbrückt werden soll.
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 i-mode Mobiltelefone verschiedener Hersteller mit Standard (Monochrom)- Display |  |
Das "i" von iMode steht für "Information", und nicht für "Internet", und hier ist der große marketingtechnische Unterschied zu orten: bei der Markteinführung von WAP wurde einem Internet durch das Handy versprochen - ein Versprechen, das in jedem Falle enttäuscht werden musste, vergleicht man inzwischen WAP mit einer überteuerten, langsamen und auch noch instabilen Bildschirmtext-Version. DoCoMo tat sein Möglichstes, iMode als ein besonderes "Informations-Handy-System" einzuführen und die Nutzer auf diese Weise positiv zu überraschen - auf vergleichbare Weise ist dies bei SMS-Mails hierzulande geschehen.
Für Mai 2001 plant DoCoMo die Einführung der mobilen Kommunikation der dritten Generation (3G), in der durch die Weiterentwicklung des Netzes zu einem Breitbandband-System ein weitaus schnellerer Transport von Daten möglich wird. Im Verlauf dieses Jahres hat DoCoMo bereits mehrere Beteiligungen an ausländischen Telekommunikationskonzernen getätigt, Ende September wurde die strategische Allianz mit dem weltweit 20 Mio. Teilnehmer zählenden Internet-Provider AOL bekannt gegeben und in München entsteht derzeit eine DoCoMo-Forschungsstätte. In Expertenkreisen munkelt man, dass iMode sich im Frühjahr 2001 dem europäischen Markt stellen werde.
Bis dahin wird die Telekom in Deutschland ein operierbares und flächendeckendes GPRS (General Packet Radio System)-Netz errichtet haben. Eine Infrastruktur also, die der Vorstufe zur UMTS- Verheißung entspricht und fähig ist, einen ähnlichen Service auf WAP-Ebene wie das heutige iMode, auch bezüglich der Kostenabrechnung, anzubieten. iMode wird seinen technischen Vorsprung zwar halten, aber es trotz seiner Überlegenheit auf dem hiesigen Markt schwer haben. Der Grund liegt zum einen in der offenen Struktur von WAP, das weltweit von etwa 500 Unternehmen - vom Hersteller bis hin zum Mobilfunkanbieter - mitentwickelt und loyal unterstützt wird, gegenüber einem Konzern, der zwar inzwischen zahlreiche Allianzen aufweisen kann, aber quasi alleinig über das Know-How und Rechte seines System verfügt. Ein Vergleich des Standard-Kampfes zwischen PC, das ja ebenfalls eine "offene" Technologieplattform propagiert, und dem "geschlossenen" Apple drängt sich auf. Ausschlaggebend für die Entscheidung des Marktes könnte die engere Beziehung des jeweiligen Systems zur Industrie, und nicht die Benutzerfreundlichkeit, werden.
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