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Erfahrungsbericht einer Tamagotchi-Besitzerin

Von Kerstin Schmidt-Denter

Damals, 15.Juni 1997...

Wow!
Endlich ist es soweit. Mein eigenes Tamagotchi. Heute, am 15. Juni 1997 scheint es diese kleinen Eier in Deutschland noch ganz einfach zu kaufen zu geben, jedenfalls hat mein Freund mir nun eins geschenkt. Ist doch kleiner als ich dachte, das Ding. Und die drei Tasten scheinen auch eher für zierliche Japanische-Schulmädchen-Hände gemacht zu sein.

Um 23.00 Uhr habe ich die Gebrauchsanweisung überflogen. Wir amüsieren uns darüber, daß das Küken nicht stirbt - nein, es "reist zurück zu seinem Heimatplaneten". Ist wohl sonst nicht zumutbar für Kinder und für mich vielleicht auch nicht, wer weiß das schon. Der große Moment ist nun gekommen. Mit der entsprechenden Tastenkombination starte ich, ein vibrierendes Ei erscheint auf dem Bildschirm. Fünf Minuten lang starren wir gebannt darauf, um den Moment des Schlüpfens nicht zu verpassen. Es ist schwierig, zu zweit den richtigen Winkel des Lichteinfalls auf das LCD-Display hinzukriegen, so daß meist nur einer was sieht.

Da - es ist geschlüpft!
Ein kleiner schwarzer Punkt hüpft auf und ab. Oje, ganz hungrig ist es und unglücklich dazu. Ich füttere mein Baby (mit Kuchen und Bonbons, etwas anderes gibt es nicht) und spiele ein blödsinniges Spiel, bei dem ich raten muß, in welche Richtung das Kleine wohl schaut.

Als mein Neugeborenes endlich satt und glücklich ist, schalte ich beim Küken das Licht aus (sonst träumt es schlecht, sagt die Gebrauchsanweisung) und gehe kurz darauf selbst ins Bett. Selige Nachtruhe - von wegen. Eine halbe Stunde später piepst das Ei, weil der Balg Hunger hat. Naja, zur Sicherheit spiele ich noch ein Weilchen mit ihm. Es ist übrigens schon schwerer geworden, bemerke ich nicht ohne Mutterstolz. Also wieder ab ins Bett.
Verzweifeltes Piepen weckt mich um 1.30 Uhr nachts. Erst will ich mit dem Vieh schimpfen, aber es ist krank. Ein kleiner Totenkopf mahnt rechts oben in der Ecke und ein Häufchen hat es auch gemacht (ja, Tamagotchi muß auch aufs Klo, ist aber nicht stubenrein). Da kann ich doch jetzt nicht mehr böse sein, oder? Mit ein paar Spritzen bekomme ich alles wieder in der Griff, aber langsam zweifle ich an meiner Urteilsfähigkeit. Willst Du Dich tatsächlich von so einem blöden Elektronikhaufen nachts tyrannisieren lassen? "Aber es ist doch noch so jung", meldet sich eine leise Stimme in mir. Nein, das Ei kommt jetzt ins Wohnzimmer, wo es mich nicht wecken kann. Zur Sicherheit lege ich noch ein paar Kissen drauf zur Schalldämpfung. Endlich Ruhe!

Am nächsten Tag entdecke ich zu meiner Erleichterung die Tastenkombination, die den Ton ausschaltet. Ich habe auch keine Lust, gleich meine Vorlesung alle zwei Minuten zu verlassen, um mein Küken zu bemuttern. Als ich an der Uni ankomme - Tamagotchi ist gerade um 9.00 Uhr aufgewacht - stelle ich den Kommilitonen mein virtuelles Küken vor. Kurz erfassen mich Zweifel. Werden sie mich für eine gefährliche Spinnerin halten, eine frustrierte 22jährige mit Mutterkomplex, eine potentielle Serienmörderin oder Schlimmeres? Doch die Resonanz ist durchweg verständnisvoll bis entzückt. Nur ein Mädchen stellt ketzerische Fragen wie "Und wozu ist das gut?". Tja, das weiß ich bis heute nicht,ist mir aber auch ziemlich egal. Ich erkläre die Funktionsweise so oft, bis ich es selbst nicht mehr hören kann.

Beim Mittagessen dann die erste Begegnung mit einem, der schon von Tamagotchi gehört hat. Lutz aus meiner Arbeitsgruppe ist fassungslos. "Was, so einen Scheiß hast Du Dir geholt? Zeig mal her." Ab da ist er ein begeisterter Pflegevater, der das Kleine hegt und pflegt wann immer ich es ihm erlaube. Überhaupt kann sich das noch immer namenlose Baby vor Pflegeeltern bald nicht mehr retten.In den nächsten Tagen merke ich, daß Tamagotchi ein fantastisches Gesprächsthema ist. Schon am zweiten Tag kann ich in der Uni glücklich verkünden:"Es hat letzte Nacht durchgeschlafen!". Ein Jubel der Erleichterung bricht aus.

Am Anfang geht man meiner Erfahrung nach noch relativ rücksichtsvoll mit dem neuen Familienmitglied um. So wollte ich es zum Beispiel nicht zulassen, daß jemand mein Küken einfach so beschimpft. "Mal sehen was dann passiert." "Aber es hat doch gar nichts getan!" Dann aber beginnt die Experimentierphase, in der man testet, wieviele Snacks Tamagotchi essen kann, bevor ihm schlecht wird (meins war nach 20 noch immer kerngesund), ob man ihm Spritzen geben kann, obwohl es nicht krank ist (nö), ob man es mit Spritzen oder Schimpfen wecken kann (leider nicht) oder wie lange es in seiner eigenen Scheiße sitzen muß, um krank zu werden (sehr lange) und vieles mehr. An langweiligen Uni-Tagen ist das schon eine Möglichkeit, sich zu beschäftigen. ("Was, noch immer satt und glücklich? - Wieder nichts zu tun.")

Tamagotchi-Besitzer sollten sich aber mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie fortan immer mit Sätzen begrüßt werden wie "Na, wie geht´s dem Kleinen?". Für mich interessiert sich keiner mehr. Und immer die gleichen Fragen: "Wieviel kostet so´n Ding?", Und wann schlüpft das? Ach so, das ist schon das fertige Küken?", "Wie alt werden die?" und so weiter...

Doch mit zunehmendem Popularitätsgrad hier in Deutschland dominieren die negativen Einstellungen gegenüber meinem Liebling. Teilweise gilt man schon als geisteskranker Psychopath, wenn man sich auch nur halbwegs liebevoll um das Küken kümmert (und dazu zähle ich noch nicht einmal völlig verständliche Verhaltensweisen wie das Gehäuse zu streicheln oder selig zu lächeln, wenn das Kleine endlich eingeschlafen ist). Besorgte Fragen wie "Aber Du wirst doch damit fertig, wenn das Ding stirbt, oder?" und "Du weißt ja, daß echte Kinder nicht so pflegeleicht sind, da kennst Du doch den Unterschied?" bis hin zu "Du läßt Dich aber schon ziemlich davon beeinflussen, hm?" können einem die Freude am virtuellen Haustier schon vermiesen.

Besonders spannend ist es übrigens, wenn Tamagotchi sich verwandelt. Vom süßen Küken erst in den Halbstarken mit Baseball-Kappe (Disziplinskala ganz unten), der immer erst um 23.00 Uhr schlafen geht, bis hin zu einer fiesen Gestalt bestehend aus einem menschlichem (!) Kopf mit Füßen. Da war die Enttäuschung groß. Tamagotchi war auf einmal gar nicht mehr so niedlich. Mein Vater meinte, daß mein Sprößling in dem Alter doch langsam mal ausziehen oder zumindest alleine aufs Klo gehen könne - irgendwie hatte er damit recht.

Jedenfalls hat es in diesem Zustand wohl meine Mutterinstinkte nicht mehr so berührt, am 19. Tag fand ich es nämlich im Wohnzimmer liegend, auf dem Display ein Engelchen und Sternchen. Ich hatte es anscheinend nicht rufen hören...

Nach einer angemessenen Trauerzeit von 10 Minuten startete ich mein neues Ei. In privaten Kreisen und an der Uni waren die Vorwürfe zunächst groß. Als Rabenmutter und gefühlskaltes Wesen mußte ich mich beschimpfen lassen. Schließlich zeigte man aber Verständnis für meine Doppelbelastung als berufstätige Mutter und schloß den neuen Kleinen ins Herz.

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