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03_yukikos tagebuch

tag 21: mann oder frau?
 


TEXT von UCHIDA Yukiko


Eine feste Pluralform gibt es im Japanischen genauso wenig, wie eine sprachliche Geschlechterunterscheidung. Das ist eine der Sachen, die das Reden auf Deutsch so schwer macht. Ein Freund oder eine Freundin, ein Bekannter oder eine Bekannte, ein Lehrer oder eine Lehrerin. Neben der Endung muss ich immer gut darauf aufpassen, dass auch der Artikel in der passenden männlichen oder weiblichen Form vorliegt. Artikel gibt es im Japanischen auch nicht. Eine sehr komplizierte und schwere Sache, die bei einem Gespräch mit einem festen Partner noch schwieriger wird, oder?

Was ich damit meine, soll folgendes Beispiel illustrieren: Angenommen, ich treffe mich heute Abend mit einem Freund von mir (nur zu zweit). Ich würde meinem festen Freund (auf Deutsch) dann sagen müssen, dass ich heute einen Freund sehe. Und schon weiß mein Freund, dass ich einen männlichen Freund sehe und sogleich macht er sich Gedanken, was für ein Typ das denn ist, mit dem ich mich da alleine treffe. Um jede Eifersüchtelei zu Umschiffen müsste ich sagen, ich treffe heute Freunde, obwohl ich ja eigentlich nur einen Freund treffe. Dann ist es unklar, welchen Geschlechts meine Verabredung ist. Nur müsste ich hierfür halt zu einer kleinen Lüge greifen. Japanisch ist diesbezüglich wegen seiner Unklarheit deutlich praktischer: Ich muss hierbei nicht differenzieren, ob der Mensch, den ich treffe, männlich oder weiblich ist, ob ich einen treffe oder eine ganze Gruppe. Ich sage: Ich treffe Freunde(jap.: tomodachi. Das ist eigentlich eine Pluralform, lässt sich aber auch für den Singular verwenden). Mein Freund fragt bei einer solchen Aussage auch nicht so genau nach, mit wem ich mich nun genau treffe, wenn ich nicht von mir aus weitererzähle. Er kann sich natürlich auch denken, dass ich auch männliche Freunde habe. Er fragt aber nicht weiter und muss sich keine weiteren Gedanken machen. Nicht sagen, nicht fragen. Ist das eine typische japanische Denk- und Verhaltensweise? Oder sind die deutschen Männer einfach nicht so eifersüchtig wie die Japanischen?

Ich habe einmal einem deutschen Freund von dem oben beschriebenem Problem erzählt und ihn gefragt, was er in der Situation sagen würde. Er erwiderte, er würde sagen: "Ich treffe heute eine Bekannte", wenn er eine Freundin trifft. Doch eine Bekannte ist auch ein weiblicher Mensch, worauf er entgegnete, die Bekannte könnte ja auch seine Tante oder eine andere Verwandte sein. Sein Vorschlag überzeugte mich nicht sehr, denn was man immer noch deutlich merkt: "Aha, er will sich mit einer Frau treffen." Und daher ist "Ich treffe heute eine Bekannte" meiner Meinung nach auch noch verdächtiger, als der Hinweis auf ein Treffen mit einer Freundin. Ich würde mich sonst fragen, warum er nicht "meine Tante" sagt, wenn er sich mit dieser Verwandten trifft. Ich habe auch einem anderen deutschen Freund von dieser Angelegenheit erzählt und er meinte, dass seine Freundin ihm immer genau sage, wenn sie zu ihrem Ex-Freund ginge und sogar, wenn sie dort übernachte. Das hat mir super gefallen.

Was ich mit dem zuvor gesagten nicht sagen wollte, war, dass Japaner es nicht erlauben würden, dass Japanerinnen mit einem männlichen Freund zusammen essen oder etwas trinken gehen. Wir sagen's nur einfach nicht so genau. Das, was wir nicht zu sagen brauchen, sagen wir auch lieber nicht.

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