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03_yukikos tagebuch

tag 22: gutes und günstiges WG-Leben
 


TEXT von UCHIDA Yukiko


Ich habe das WG- System zum ersten mal kennen gelernt, als ich in Wien vor etwa fünf Jahren eine Wohnung gesucht habe. Das war mein erste längerer Aufenthalt in Europa. Ich habe durch ein Angebot auf einem kleinen ausgehangenen Zettel ein Zimmer gefunden und unter der angegebenen Telefonnummer nachgefragt, ob ich das Zimmer sehen gehen kann. Ich hatte einen Mann am Telefon, den ich für den Hausmeister hielt. Ich bin zu der Adresse gefahren, die mir mein Gesprächspartner nannte, um mir die Wohnung anzuschauen. Wie sich herausstellte, gab es in der Wohnung nicht nur "mein" Zimmer, sondern auch ein Zimmer, in dem der Mann vom Telefon wohnte. Ich habe ihn gefragt, ob ich mit ihm zusammen in dieser Wohnung wohne würde. Inzwischen finde ich es sehr komisch und es ist mir peinlich, dass ich ihn das gefragt habe. Ich bin mir ganz sicher, dass er es komisch fand, dass ich ihn so etwas überhaupt gefragt habe. Aber wie gesagt: Bis dahin kannte ich WGs noch gar nicht. Ich war verwirrt, da es in Japan eine sehr ungewöhnliche Situation ist, mit fremden Leute, sei es nun Mann oder Frau, die man bislang noch nicht kannte, in einer Wohnung zusammen zu wohnen. Ich habe trotzdem das Zimmer genommen und im Nachhinein nicht bereut. Es war sehr schön, mit ihm zusammen zu wohnen. Er ist toller Mensch, durch den ich viele nette Leute kennen lernte. Sie sind immer noch meine besten Freunde in Europa.

Ich habe nach dieser Erfahrung in Wien auch einmal in Japan mit einer Freundin zusammen gewohnt. Das ist aber - wie schon gesagt - eine sehr seltsame Angelegenheit in Japan. Die Leute können sich einfach nicht vorstellen, dass man mit anderen, fremden Leute gut zusammenleben kann. Ich werde daher sehr oft gefragt, wie das so ist, wenn man eine Wohnung mit anderen Leuten teilt. Ob man sich oft miteinander streitet oder - wenn man gemischtgeschlechtlich wohnt - ob man sich ineinander verliebt oder ob es gleich vorkommt, dass man kurz nach dem Zusammenziehen miteinander schläft. Ich kann aber verstehen, warum sie so was fragen. Weil manche Japaner sich immer Gedanken um andere Leute haben. Die Individualität in einer Form wie in Europa existiert nicht. Dort können sie eben wegen dieser Individualität - weil sie niemand in die Sachen des anderen einmischt - locker und problemlos zusammenwohnen, ohne verwandtschaftlich oder durch eine Beziehung miteinander verbunden zu sein.

Ich habe einmal ein interessantes Beispiel gehört, dass die Ausprägung dieser Individualität zeigt. Nehmen wir mal an, wir haben zehn Deutsche, die zusammen etwas unternehmen wollen. Einer sagt: "Ich möchte ins Kino gehen, um Film A zu sehen." Der nächste sagt dann: "Ins Kino möchte ich auch gehen, aber ich möchte nicht den Film A, sondern einen anderen sehen." Der Dritte meint: "Ich möchte ins Museum gehen." So hat jede der zehn Personen eigene Wünsche. Und jeder macht das, wozu er persönlich Lust hat. "Ich gehe ins Kino, wenn jemand von euch mitkommen möchte, können wir zusammen." "OK, und ich gehe ins Museum, wir können zusammen gehen, wenn jemand mit will", oder so. Und zuletzt: "Lasst uns später in einem Café treffen, wenn wir fertig sind."

Das finde ich sehr locker und angenehm. In Japan machen alle zehn Leute etwas zusammen, egal, ob manche nur ungern mitmachen. Das ist natürlich auch sehr schön, dass man gemeinsam etwas unternimmt. Es war jedenfalls interessant zu erfahren, dass das europäische Lebensgefühl durch Individualität und das Japanische durch Gruppenzugehörigkeit geprägt sind.

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