TEXT von UCHIDA Yukiko
Durch das Fernsehen oder Zeitschriften wissen wahrscheinlich viele in Deutschland, dass die Bahnen in Japan unglaublich vollgestopft mit Menschen sein können. Bahnbeamte stopfen sie in die Züge, Neuankömmlinge drängeln nach, obwohl es keinen einzigen Freiraum mehr gibt. Diese Berichte sind wahr. Angeblich kleben nirgendwo sonst so viele fremde Leute aneinander in den Bahnen, wie in Japan. Ich muss auch jeden Tag zu den Hauptverkehrszeiten mit solch überfüllten Bahnen zur Arbeit fahren. Das ist absolut furchtbar, denn man hat regelmäßig das Gefühl, ich einer solchen Bahn beinahe sterben zu müssen. Es ist unfassbar, warum die Bahnen so vollgestopft mit Menschen sind, denn in Tôkyô kommt zur Rush Hour jede Minute eine neue Bahn an.
So versuchen die meisten einen Sitzplatz zu ergattern, um in den mörderischen Bahnen überhaupt atmen zu können, keine Schuhe oder die Tasche zu verlieren, nicht hinzufallen und keine Rippen gebrochen zu bekommen. Oder um als Mann einfach nicht zu Hause von der Frau ausgeschimpft zu werden, weil in dem Gedränge der Kussmund einer fremden Frau auf dem weißen Hemd aufgedrückt wurde...
Wer sich setzen kann, ist halbwegs gerettet. Daher herrscht in den Bahnen alltäglich zur Stoßzeit ein hässlicher Krieg um die Sitzplätze. Leute lassen eine Bahn durchfahren, nur um den ersten Platz in der Warteschlange zu ergattern. Bei der nächsten bahn rasen sie, sobald sich die Tür öffnet, hinein und versuchen einen Platz zu erstürmen. Wenn tatsächlich einer frei ist, drängen meist zehn Leute auf einmal zu den diesem einzigen freien Platz. Es ist Hauptverkehrszeit und es sind also richtige Erwachsene mit Anzug und Krawatte, die in den Sitzplatzkrieg gehen. Immer wenn ich solche Szenen beobachte, finde ich es furchtbar widerlich, obwohl ich natürlich allzu gut nachvollziehen kann, dass diese Leute gerne - genau wie ich - einen Sitzplatz haben wollen. Je weiter Bahnen in das Zentrum Tôkyôs vordringen, wo einige Leute arbeiten, desto voller werden die Züge. Obwohl die Bahnen bereits prallvoll sind, stehen an der nächsten Haltestelle garantiert ein ganzer Haufen anderer Leute, die auch noch in die Bahn einsteigen wollen.
Warum nicht einfach auf die nächste Bahn warten, wie es auch die Bahnbeamten ständig in Lautsprecherdurchsagen empfehlen? Nun, weil es eigentlich Unsinn ist, denn die nächste Bahn, die übernächste Bahn und so weiter ist genau so voll wie der Zug, der gerade in den Bahnhof einfährt. Wenn man auf die nächste Bahn wartet, kommt man nur zu spät zur Arbeit. Neben dieser Empfehlung tönen die Bahnbeamten durch die Lautsprecher, alle die innen in der Nähe der Tür stehen, sollten doch auch kurz aussteigen, um anderen weiter hinten das Aussteigen zu erleichtern. Das machen allerdings nur die wenigsten, denn es kommt nicht selten vor, dass man nicht wieder einsteigen kann, wenn man einmal ausgestiegen ist (ist mir ärgerlicherweise auch schon passiert). So führen wir also tagtäglich unsere kleinen Platzkriege in den Zügen und auch wenn ich es doch sehr lächerlich und widerlich finden muss, habe ich, als ich diesen Tagebucheintrag schrieb, festgestellt, dass ich selber genau wie die Anderen kämpfe, um mich zu schützen... (Fortsetzung folgt)